StAN - einmal anders

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  • Nemere
    Cold Warrior
    • 12.06.2008
    • 2879

    #1

    StAN - einmal anders

    Die Bayerische Staatsbibliothek bietet in Zusammenarbeit mit dem Münchner Digitalisierungszentrum inzwischen tausende von digitalisierten Büchern, vor allem aus der Zeit vor 1900, darunter auch viele Werke, die militärgeschichtlich interessant sind.

    Gestern bin ich dabei über den „Feldgeräthe-Etat einer (königlich bayerischen) Pionierkompanie“ aus dem Jahre 1877 gestolpert. In diesem Heft ist bis zum letzten Nagel genau aufgeführt, was diese Kompanie an Werkzeugen, Gerät und Material mitzuführen hatte, selbst die Vorschriften (S. 41), die Fingerhüte für den Schneider (S. 46) und die 1000 Holznägel des Schusters (S. 47) sind nicht vergessen.
    Statt dem Verbandkasten gibt es den „Menschenmedizin- und Bandagenkasten mit vorgeschriebenem Inhalt“ (S. 22) – also gab es anscheinend auch 1877 schon eine Art „Anlagenblatt Ausstattungsanweisung“ für den Medizinkasten. Weiter liegt der Schluss nahe, dass es dann auch wahrscheinlich einen „Tiermedizinkasten“ gegeben haben muss.
    Interessant finde ich ebenso, dass man 1877 offenbar schon mit elektrischer Zündung bei Sprengungen arbeitete, auf S. 35 unten ist ein „Dynamo-elektrischer Zündapparat mit … Kurbel“ aufgeführt.

    Grüße
    Jörg
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  • klaus_erl
    Cold Warrior
    • 14.04.2013
    • 1059

    #2
    Hallo Jörg,

    als ex-Pionier freue ich mich natürlich besonders über diese Dokumentation neuzeitlicher Pionierausrüstung.

    Zur elektrischen Zündung: Im Netz findet sich ein Bild von 1884, also wenige Jahre später.

    Klaus

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    • Nemere
      Cold Warrior
      • 12.06.2008
      • 2879

      #3
      Vielen Dank für das Bild, das dürfte in etwa der im Feldgeräte-Etat beschriebene Zündapparat sein.

      Vielleicht noch ein paar Sätze zur königlich Bayerischen Pioniertruppe um 1880.
      Bis weit ins 18. Jahrhundert hinein hatte man sich in Bayern, wie fast in allen anderen Staaten damals, für Pionieraufgaben angeworbener ziviler Handwerker und Arbeiter bedient. In Frage kamen damals vor allem Schanzarbeiten bei der Belagerung von Festungen. Bei Gewässerübergängen zog man Flößer, Binnenschiffer und Zimmerleute heran, um entweder im Fährbetrieb überzusetzen oder Behelfsbrücken aus Holz zu bauen.
      Die ersten Pioniereinheiten gab es bei der bayerischen Armee 1744:
      - ein Brückenkorps aus Zimmerleuten in Stärke von 25 Mann
      - ein Mineurkorps, ebenfalls mit 25 Mann. Mineure waren für das Anlegen von Stollen / Minengängen zum Sprengen von Festungsanlagen zuständig.
      Beide „Korps“ wurden bereits 1745 wieder aufgelöst.

      Erst im September 1809 wurde wieder ein „Pontonierkorps“ mit 2 Kompanien aufgestellt, allerdings bereits Ende 1809 wieder aufgelöst. Pontoniers waren Brückenpioniere. Es gab damals bereits Brückengerät für Pontonbrücken, um 1750 waren bereits geschlossene Pontons aus Eisenblech in einigen Staaten eingeführt, eine Art Vorläufer der heutigen Hohlplattenbrücke. In Bayern wurde im 19. Jahrhundert wie in vielen anderen Staaten das österreichische Brückengerät System "Birago" geführt.

      1813 entstand wieder eine Pontonierkompanie, die 1822 in eine 1 Mineur-, 1 Sappeur- und 1 Pionierkompanie aufgeteilt wurde. Sappeure waren für Befestigungsanlagen zuständig. Seit 1813 gab es dann ständig Pioniereinheiten in der bayerischen Armee.

      1844 wurde aus diesen Kompanien ein „Genie-Bataillon“ mit 4 Kompanien aufgestellt. Dieses Bataillon wuchs 1848 zum „Genie-Regiment“ auf, das sich 1868 in
      - 2 Feldgenie-Divisionen zu je 3 Feldgenie-kompanien (also gesamt 6 Kompanien) und
      - 4 Festungsgenie-Kompanie
      gliederte.

      1872 wurde der Regimentsverband aufgelöst, es entstanden 2 Pionierbataillone zu je 5 Kompanien. Zunächst noch in Feld- und Festungspioniere unterschieden, wurden die Kompanien ab 1889 einheitlich als „Pionierkompanien“ bezeichnet, so dass damit der „Einheitspionier“ geschaffen war.
      Im Jahre 1900 wurde das 3. und 1912 das 4. Pionierbataillon aufgestellt. 1913 erhielt jedes Bataillon noch einen Scheinwerferzug.
      Im Ersten Weltkrieg wurde eine Vielzahl von bayerischen Pionierformationen aufgestellt, auf die einzugehen zu weit führen würde.
      Pionierstandorte um 1880 waren vor allem die bayerische Festungen (Ingolstadt, Germersheim, im geringeren Umfang auch Landau in der Pfalz) und München.

      Literatur:
      Bayerisches Kriegsministerium: Militär-Handbuch des Königsreichs Bayern. Jahrgänge 1811 – 1916.
      Bezzel, Oskar: Geschichte des Königlich Bayerischen Heeres unter König Max I. Joseph von 1806 (1804) - 1825. (Geschichte des Bayerischen Heeres, Band 6.1.) München 1933.
      Bezzel, Oskar: Geschichte des Königlich Bayerischen Heeres von 1825 mit 1866. (Geschichte des Bayerischen Heeres, Band 7) München 1931.
      Frauenholz, Eugen von: Die Königlich Bayerische Armee von 1867 bis 1914. (Geschichte des Bayerischen Heeres, Band 8) München 1931.
      Voigt, Günther / Wegner, Günter: Deutschlands Heere bis 1918. Ursprung und Entwicklung der einzelnen Formationen, Bd. 11: Bayern. Osnabrück 1984.

      Kommentar

      • klaus_erl
        Cold Warrior
        • 14.04.2013
        • 1059

        #4
        Ich hätte noch was zu den genannten 160m Bickfordscher Zündschnur beizutragen.

        Im Buch "Die Schiefe Ebene - eine legendäre Eisenbahnstrecke" von Steffen Lüdecke, EK-Verlag 1993, findet sich ein Abdruck einer Baubeschreibung des zuständigen Sektionsingenieurs E.F.A. Preu, in dem auch die Methoden zum Sprengen der Felseinschnitte beschrieben sind. Neben einer älteren Methode wird auch folgendes beschrieben (wörtliches Zitat):

        "Der vier Pfund haltende Pulversatz wurde in eine Patrone von dünner Pappe oder von Packpapier eingesetzt, von welcher Patrone aus ein sogenannter Sicherheits- oder Patentzünder bis über die Erde reichte. [...] Insbesondere zeichneten sich hier die s.g. Sicherheitszünder vortheilhaft aus. Sie werden von der Fabrik von Bickford & Comp. in Meißen gefertigt und können von da bezogen werden.
        Dieselben bestehen aus einem Faden von feinerem Zündpulver; dieser ist cylinderförmig mit Kautschuk umgeben, und diesen Cylinder umgibt wieder ein dünnes oft an der Außenseite getheertes Zwirngespinst. Auf diese Weise bildet der Sicherheitszünder eine Schnur von etwa anderthalb Decimallinien Dicke, oder nicht ganz so dick als ein Federkiel.
        [...]
        Diese Zünder brennen langsam, und man kann ein 1 Fuß langes Stück, an einem Ende zwischen die Finger genommen, getrost am anderen Ende anzünden und bis nahe gegen die Hand herabbrennen lassen, bis man es wegwirft.
        Legt man den Zünder in das Wasser, z.B. in einen Bach, so daß das eine Ende am diesseitigen, das andere am jenseitigen Ufer herausragt, und man zündet das eine Ende derselben an, so pflanzt sich der Brand unter dem Wasser ganz ungestört fort bis auf das andere Ufer, woselbst es eine Batterie entzünden und entladen kann.
        "

        Die in der Liste genannten "Beißzangen mit kupfernen Lippen" und "Kupferhämmer" dürften für Arbeiten im Zusammenhang mit Sprengladungen gedacht gewesen sein, da Kupfer im Gegensatz zu Stahl nicht zum Funkenschlagen neigt.

        Klaus

        Kommentar

        • kato
          Cold Warrior
          • 03.03.2009
          • 888

          #5
          Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
          1872 wurde der Regimentsverband aufgelöst
          Das Genieregiment wurde bereits 1869 in seinen Aufgaben auf die Armeekorps verteilt und bestand nur noch "nach Namen" bis 1872. Im wesentlichen wurden dabei jedem der beiden Armeekorps bereits eine Feld-Genie-Division sowie zwei Festungs-Genie-Kompanien (je eine für die bayerischen Festungen Germersheim/Ingolstadt und je eine für die Bundesfestungen Landau/Ulm*) unterstellt, die nach dem Krieg dann 1872 so in den beiden neuen Pionierbataillonen zusammengefasst wurden. Bis zum deutsch-französischen Krieg unterlagen die Einheiten des Genieregiments mit dem bayerischen Garnisonswechsel, so dass diese auch in anderen Garnisonen landeten - z.B. die 1. Feld-Genie-Division in Passau - und teilweise - z.B. 1870 Germersheim - Festungen schon mal keine Festungs-Genie-Kompanien beigeordnet wurde.

          In Landau war 1880 kein Pionier mehr - die Bundesfestung wurde 1867 zum "Depotplatz" herabgestuft und 1871 geschleift, die Lokal-Genie-Direktion im selben Jahr dann nicht mehr besetzt. Das 2. Pionierbataillon - für die Rheinpfalz und das II. Armeekorps - war inzwischen konzentriert in Speyer stationiert, das 1. Pionierbataillon in Ingolstadt. In Speyer wurde hierbei auch damals schon ein Übungsplatz für Pontoniere geschaffen, die zwei Jahre zuvor gegründeten Bataillone erhielten zu dem Zeitpunkt dann 1874 auch die nötigen Instandsetzungskapazitäten für ihr Material (zuvor Zentralwerkstätte in Ingolstadt unter "Pionier-Inspektion").

          Neu kam in Ingolstadt hinzu übrigens auch die 1873 gegründete "Eisenbahn-Kompanie der Bayerischen Armee" für Eisenbahnbau und -Betrieb, die Ende der 1880er zum Bataillon aufwuchs.

          In München war seit 1872 die "Inspektion des Ingenieurkorps und der Festungen", die aus der Führung des Genieregiments hervorging und im wesentlichen eine militärtechnische Baubehörde für den Garnisonsbau war. Diesem Planungsstab unterstanden um 1880 noch vier Bauplanungsbehörden, die "Festungs-Ingenieur-Direktionen" in Ingolstadt und Germersheim (Neu-Ulm 1875 aufgelöst) sowie "Ingenieur-Direktionen" bei den Generalkommandos der beiden Korps in München und Würzburg (letztere bis 1886, dann Überführung in zivile Baubehörden).

          * Bayern stellte zwar nominell kein Pionierkontingent für die Bundesfestung Ulm, diese war aber in der Kriegsgliederung des Deutschen Bundes dem I. Armeekorps beigeordnet.

          Literatur:
          Brauer, Richard: Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980. München 1983.
          Zuletzt geändert von kato; 21.08.2019, 11:43.

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          • Nemere
            Cold Warrior
            • 12.06.2008
            • 2879

            #6
            Zitat von kato Beitrag anzeigen
            In Landau war 1880 kein Pionier mehr - die Bundesfestung wurde 1867 zum "Depotplatz" herabgestuft und 1871 geschleift,

            Literatur:
            Brauer, Richard: Handbuch der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte 1799-1980. München 1983.
            Zwei kleine Korrekturen:

            1. Herausgeber und Hauptautor des auch von mir seit vielen Jahren genutzten „Handbuchs der bayerischen Ämter, Gemeinden und Gerichte“ ist Wilhelm Volkert, nicht Richard Brauer. Ein Herr BRauer kommt unter den Verfasser nicht vor, sondern nur Richard BAUER. Herr Bauer ist nur einer der zahlreichen Mitautoren, er hat lediglich kaum ein Dutzend Seiten im Kapitel Finanzverwaltung verfasst. Der Verfasser des Kapitels „Militärwesen“ auf das es uns hier ankommt, ist dagegen Gerhard Heyl.

            2. Von einem „Schleifen“ der Festung Landau kann keine Rede sein. „Schleifen“ bedeutet das bewusste Zerstören und Abtragen der Befestigungsanlagen. Das hat man teilweise bei reinen Stadtbefestigungen durchgeführt, so z.B. in München, Regensburg und Augsburg. Landau war dagegen im 19. Jahrhundert als Festung des Deutschen Bundes noch mit erheblichem Aufwand ausgebaut worden. Die Vorgehensweise bei diesen neueren Festungen war daher eine andere. Ein bewusstes Schleifen, also ein Rückbau auf Anordnung des Militärs fand nur ganz selten statt. Zwischen 1870 und 1904 gibt es nur zwei Fälle, wo das Schleifen von Befestigungsanlagen angeordnet wurde:
            a) das Sperrfort Hamm bei Düsseldorf-Neuss 1884
            b) die Batterieanlagen an der Emsmündung bei Emden zwischen 1871 und 1877.
            Im Falle Landau (wie auch bei zahlreichen anderen kleinen Festungen im Landesinneren) lautete die Formulierung in den Anordnungen zur Auflösung der Festung. „…können dem Verfall preisgegeben werden“. D.h. es wurden keine Mittel mehr in den Unterhalt gesteckt, die vorhandenen Anlagen wurden aber weiter vom Militär genutzt, z.B. zu Übungszwecken, die Kasematten waren im Kriegsfalle auch zu Unterkunftszwecken vorgesehen, solange sie noch brauchbar waren.
            Wenn Teile der nicht mehr als Festung geführten Anlagen zivilen Bauvorhaben im Wege standen (z.B. Ausfallstraßen, Eisenbahnlinien) musste nach wie vor eine Abbruchgenehmigung beim Militär beantragt werden, die Kosten der Beseitigung der Anlagen trug natürlich die Zivilseite. Im Falle Landau wurden nach 1872 recht rasch Teile der Befestigungsanlagen durch zivile Baufirmen abgetragen, allerdings eben nur die Teile, die dem Wachstum der Stadt im Wege standen. Bei einem Schleifen im militärischen Sinne wird dagegen die Befestigung in ihrer Gesamtheit unbrauchbar gemacht.
            Die Auflassung der Festung Landau erfolgte mit A.K.O. vom 24.06.1872, mit dieser A.K.O. wurden neben Landau z.B. auch Minden und Wittenberg sowie die ehemaligen französischen Festungen Lichtenberg, Lützelstein, Marsal , Pfalzburg und Schlettstadt in Elsaß-Lothringen dem Verfall überlassen.

            Quelle:
            Die deutschen Festungen. Beschreibung nach Aufgabe, geschichtlicher Entwicklung und Ausbau seit 1871. Denkschrift des preußischen Ingenieur-Komitees von 1911 – 1913. BayHStA, Abt. IV – Kriegsarchiv, Mkr 4605/2. In Auszügen abgedruckt in Braun, Volkmar / Gosch, Frank: 1911-13: Die geheime Denkschrift des preuß. Ingenieur-Komitees. Die deutschen Festungen, Beschreibung nach Aufgabe, geschichtlicher Entwicklung und Ausbau seit 1871 (Die Festung 7), Unna 1996, Landau S. 99.
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            • kato
              Cold Warrior
              • 03.03.2009
              • 888

              #7
              Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
              Wenn Teile der nicht mehr als Festung geführten Anlagen zivilen Bauvorhaben im Wege standen (z.B. Ausfallstraßen, Eisenbahnlinien) musste nach wie vor eine Abbruchgenehmigung beim Militär beantragt werden, die Kosten der Beseitigung der Anlagen trug natürlich die Zivilseite. Im Falle Landau wurden nach 1872 recht rasch Teile der Befestigungsanlagen durch zivile Baufirmen abgetragen, allerdings eben nur die Teile, die dem Wachstum der Stadt im Wege standen
              Die Stadt Landau kaufte das Gelände des Hauptwalls am 15.06.1872 an, wonach es sich nicht mehr um Militärgelände handelte und geplant abgetragen werden konnte. Im Kaufvertrag wurde die Entfestigung binnen zwei Jahren festgelegt.

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