Fundstücke – Speiseplan Bundeswehr 1977

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  • Nemere
    Cold Warrior
    • 12.06.2008
    • 2880

    #1

    Fundstücke – Speiseplan Bundeswehr 1977

    Am Wochenende in alten Unterlagen gefunden:
    Ein Speiseplan der Generaloberst-Beck-Kaserne in Sonthofen (Schule für Feldjäger und Stabsdienst) vom Herbst 1977. Damals habe ich dort den Lehrgang „Englisch für Feldjäger“ absolviert.

    Vor 40 Jahren war das verpflegungsmäßig noch eine andere Welt, man muss allerdings bedenken, dass damals als Fast Food-Anbieter allenfalls Wienerwald vertreten war, aber noch kaum McDonalds:
    - Nichts mit vegetarisch oder gar vegan.
    - Nichts mit drei Gerichten zur Auswahl oder gar Komponentenverpflegung.
    - Salat taucht nur ganz selten auf (Gurkensalat am Samstag)
    - Die Schweinesülze am Donnerstag-Abend stammte garantiert aus den EPa. In diesen Packungen gab es damals Sülze als Brotbelag.
    - Dosenbrot am Dienstag-Abend: das dürften die runden Schwarzbrotscheiben aus den 500 gr. Büchsen gewesen sein.
    - Ob das Rinderherz am Samstag viel Zuspruch fand, wage ich zu bezweifeln. Obwohl Rinderherz ein hervorragendes Fleisch ist, das man vorzüglich zubereiten kann.
    - Jedem Soldaten standen 7 Stück Würfelzucker zu.
    - Bevorzugte „Sättigungsbeilage“ waren Kartoffeln, fast immer als Salzkartoffeln. Insofern ist dieser Speiseplan etwas untypisch für die Sonthofener Kasernen bzw. die Allgäuer Kasernen im Allgemeinen. Die Standorte im Schwabenland hatten relativ häufig Nudeln im Programm, in Sonthofen oft als Käsespätzle oder Krautspatzen. Auch der Freitag als Fastentag wurde damals in Bayern bei den Speiseplänen der Kasernen durchaus noch beachtet, es gab dann meistens Fisch oder irgendwelche Mehlspeisen.
    Da aber an den Schulen viele Lehrgangsteilnehmer aus außerbayerischen Gefilden waren, bei denen Gerichte wie Kässpatzen oder Dampfnudeln regelmäßig zu Revolten führten, hatte man sich den „preußischen“ Ernährungsgewohnheiten angepasst.

    Dafür hatte die GOB-Kaserne wohl den bombastischsten Speisesaal aller Bundeswehrkasernen (siehe beigefügte Fotos – geben leider nur einen unvollkommenen Eindruck der Architektur wieder). Über 100 m lang, riesenhoch mit Kronleuchtern als Beleuchtung, Glasfront zum Gebirge hin, im Stil wie die Dekoration einer Wagneroper oder der Thronsaal von Schloss Neuschwanstein. Die Kaserne konnte ihre Vergangenheit als NS-Schulungsburg nie verleugnen.
    Angehängte Dateien
  • B206
    Cold Warrior
    • 12.07.2007
    • 383

    #2
    Kannst du sagen für wen das konkret bestimmt war das Essen? Also Dienstgradgruppen oder ähnliches.
    PS: Hast du damals, als du zur Decke geblickt hast, auch die Hakenkreuze gesehen?

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    • Malefiz
      Cold Warrior
      • 22.12.2010
      • 384

      #3
      Interessant wäre auch von wann Deine Bilder stammen.

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      • harbec
        Rekrut
        • 10.02.2017
        • 14

        #4
        ... danke für Deinen Bericht mit dem Speiseplan und den Bildern.

        Ich war ab 1972 beim BGS/der Bundespolizei im Bereich Schleswig-Holstein/GSK Küste und habe
        ähnliche Speisepläne kennengelernt. Der Verpflegungssatz war in allen Einheiten gleich, auch die
        Zuschüsse durch den Bund. Es kam immer auf die Kochmannschaft und die Einkäufer an. Einige Kasernen
        hatten hervorragende Küchen und einen sehr guten Ruf, andere wiederum nicht. Bis zum Ende der
        dreigeteilten Laufbahn gab es 3 Speisesäle, danach ab 1976 nur noch zwei (mD/gD-hD). In den letzten Jahren
        gab es nur noch einen großen Speisesaal. Ich habe bei normalem Tagesdienst fast immer an der Mittagsverpflegung
        teilgenommen. Man muß immer Preis und Leistung in Relation setzen. Für den Preis einer Mittagsverpflegung
        bekam man in der Kantine nicht viel. Bei Standortdiensten war ich auch noch in Abend- und Frühstücksverpflegung.
        Dieses war bis zum Ende meiner über 40jährigen Dienstzeit so. Hinzu kam, dass ich in Ratzeburg einer der besten
        Standortküchen genießen konnte.

        Bei der BW war die Unterteilung der Speisesäle auch vorhanden, im Bereich der Marine bei den Unterführern wurde
        es noch etwas differenzierter gesehen.
        Zuletzt geändert von harbec; 27.05.2019, 22:31.
        --------------
        Gruß Hartmut
        --------------
        °°° Suche O/E Deutschland 1900-1945 °°°

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        • Nemere
          Cold Warrior
          • 12.06.2008
          • 2880

          #5
          Zitat von B206 Beitrag anzeigen
          Kannst du sagen für wen das konkret bestimmt war das Essen? Also Dienstgradgruppen oder ähnliches.
          PS: Hast du damals, als du zur Decke geblickt hast, auch die Hakenkreuze gesehen?
          Das dienstlich gelieferte Essen war für alle Dienstgradgruppen gleich. Bei der Bundeswehr gab es hier keine Unterschiede. Die einzige Ausnahme war, dass je nach den baulichen Möglichkeiten getrennte Speisesäle für Mannschaften, Unteroffiziere und Offiziere betrieben wurden.
          In Sonthofen gab es einen gesonderten Speisesaal für Offiziere des Stammpersonals. Offiziere als Lehrgangsteilnehmer waren zumindest bei kürzeren Lehrgängen auch auf den großen Saal angewiesen.
          Zu Zeiten der Nutzung durch die Bundeswehr waren keine Hakenkreuze an den Decken.

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          • Nemere
            Cold Warrior
            • 12.06.2008
            • 2880

            #6
            Das schwarzweiß-Foto stammt aus der Zeit der Nutzung der Kaserne durch die US-Army, etwa um 1950. Die US-Truppen betrieben hier eine Constabulary-Schule.
            Ich habe es gezeigt, weil hier die ursprüngliche Gestaltung mit den kitschigen Wandmalereien sehr deutlich wird.
            Die anderen sind aus den 1980-er bzw. 1990-er Jahren. Der Saal wurde einmal im Jahr für den Standortball ausgeräumt, daher stammt das Bild mit dem leeren Saal.

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            • Nemere
              Cold Warrior
              • 12.06.2008
              • 2880

              #7
              Zitat von harbec Beitrag anzeigen
              Der Verpflegungssatz war in allen Einheiten gleich, auch die
              Zuschüsse durch den Bund. Es kam immer auf die Kochmannschaft und die Einkäufer an. Einige Kasernen
              hatten hervorragende Küchen und einen sehr guten Ruf, andere wiederum nicht.
              Es kam auch auf die Belegung der Kaserne an. Bei einer Schule wie in Sonthofen war es so, dass von 500 gemeldeten Verpflegungsteilnehmern z.B. beim Frühstück 450, beim Mittagessen wirklich alle 500 und beim Abendessen auch etwa 450 erschienen. D.h. die Küche musste wirklich bei jeder Teilmahlzeit 500 Portionen ansetzen. Der Grund war, dass die Lehrgangsteilsnehmer Morgens und Abends in der Kaserne waren, da sie nicht nach Hause fahren konnten.
              Bei einer "normalen" Kaserne war es so, dass auch ein Großteil der als Verpflegungsteilnehmer gemeldeten kasernenpflichtigen Soldaten freien Nachtausgang hatten, daher nach Dienstschluss nach Hause fuhren - also nicht an der Abendverpflegung teilnahmen. Am nächsten Morgen nahmen diese Soldaten in vielen Fällen auch nicht am Frühstück teil, weil sie das zu Hause taten.
              Aus diesen Erfahrungswerten konnte ein erfahrener Verpflegungsgruppenführer / Küchenleiter dann eben sagen:
              - ich habe Geld für 500 x Vollverpflegung.
              - Erfahrungsgemäß kommen zum Frühstück 250, Mittags 450 und Abends nur 200.
              - Also gibt es "Ersparnisse", wenn zum Frühstück nur für 300 und Abends nur für 250 Verpflegungsteilnehmer kalkuliert wird. Die dabei ersparten Gelder können dann in eine bessere Verpflegung investiert werden.

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              • klaus_erl
                Cold Warrior
                • 14.04.2013
                • 1059

                #8
                Den Plan kenn ich doch irgendwo her. Ich erinnere mich an eine Diskussion zur EVSt-Butter, an der ich beteiligt war.

                Der Speisesaal ist durchaus beeindruckend, wenn ich da an die nüchternen Räume in den Kasernen denke in denen ich meinen Wehrdienst verbracht habe.

                Klaus

                Gefunden: http://www.cold-war.de/showthread.ph...highlight=EVST

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                • DeltaEcho80
                  Cold Warrior
                  • 09.03.2013
                  • 1725

                  #9
                  Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
                  Aus diesen Erfahrungswerten konnte ein erfahrener Verpflegungsgruppenführer / Küchenleiter dann eben sagen:
                  - ich habe Geld für 500 x Vollverpflegung.
                  - Erfahrungsgemäß kommen zum Frühstück 250, Mittags 450 und Abends nur 200.
                  - Also gibt es "Ersparnisse", wenn zum Frühstück nur für 300 und Abends nur für 250 Verpflegungsteilnehmer kalkuliert wird. Die dabei ersparten Gelder können dann in eine bessere Verpflegung investiert werden.
                  Ich denke, dass das genau der Punkt ist, an dem sich dann die Kreativität und die Organisationsgabe eines Verpflegungsgruppenführers und damit auch ein Stück weit die "Qualität" der Küche ableiten lässt.

                  Gab es in den 1970ern eigentlich auch schon diese Kalorienvorgabe je Truppengattung? Also z.B. 3500 Kalorien pro Tag für die Kampftruppe?

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                  • Nemere
                    Cold Warrior
                    • 12.06.2008
                    • 2880

                    #10
                    Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                    Gab es in den 1970ern eigentlich auch schon diese Kalorienvorgabe je Truppengattung? Also z.B. 3500 Kalorien pro Tag für die Kampftruppe?
                    Im "Taschenbuch für den Sanitäts- und Gesundheitsdienst der Bundeswehr, Ausgabe 1972" gibt es ein eigenes Kapitel "Grundsatzforderungen an die Verpflegungsqualität", das sich seitenlang über Nährwerte, Vitamine usw. auslässt. Dort findet sich auf S. 257 die Aussage: "Bei der Bundeswehr befinden sich friedensmäßig rund 75 % der Soldaten im Grundwehrdienst, der - vor allem während der militärischen Grundausbildung und beim Gefechtsdienst auf Truppenübungsplätzen - durch starke körperliche Tätigkeit gekennzeichnet ist. Außerdem handelt es sich überwiegend um junge Männer von rund 20 Jahren mit besonders hohem Energieverbrauch. Der hier vorliegende Nahrungsbedarf wird durch eine Tageskost gedeckt, die den in Tabelle 1 angegebenen sechs Daten entspricht."

                    In Tabelle 1 findet sich dann:
                    - Kalorien 4.000
                    - Fett 135 Gramm (32 % der Gesamtkalorienzufuhr)
                    - Eiweiß (tierisch) 60 Gramm

                    Wenn ich mich recht entsinne, hatten die in einer Einmannpackung enthaltenen Verpflegungsmittel auch einen Kalorienwert von etwa 4000 kcal.

                    In dem genannten Buch gibt es auch eine Tabelle der Einsatzverpflegung, also der Konserven, die eingelagert waren bzw. als ein Teil der Rationssätze auf den Feldküchen mitgeführt wurden (siehe Anhang). Hier kann man schön ablesen, was es damals so alles bei der Einsatzverpflegung gab, welche Packungsgrößen vorhanden waren und was so eine Konserve in % des Tagesbedarfs abgedeckt hätte. Mit am universellsten waren die Leberwurstkonserven, weil diese mit Ausnahme von Vitamin so ziemlich alles enthielten, was man damals an Nährwerten für erforderlich hielt.
                    Angehängte Dateien

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                    • DeltaEcho80
                      Cold Warrior
                      • 09.03.2013
                      • 1725

                      #11
                      Vielen Dank für die interessanten Informationen.

                      Ich hatte zu meiner Zeit immer sehr interessante Gespräche mit einem Küchensoldaten, der aus meinem Nachbarort kam und mit dem ich öfters zusammen gefahren bin.
                      Er hat mir erzählt, dass für "uns" Grenadiere eben diese 4.000 Kalorien als Vorgabe galten. War also 1999 immer noch der selbe Wert ;-)

                      Ich persönlich hatte mich nur gewundert, dass in den letzten 2 Monaten meiner Dienstzeit die dienstliche gelieferte Feldhose immer enger wurde. So sind wir auf dieses Thema gekommen.

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                      • DeltaEcho80
                        Cold Warrior
                        • 09.03.2013
                        • 1725

                        #12
                        Um nochmal auf das Thema "Kreativität" zurückzukommen:

                        Ich hatte mal auf einem Lehrgang eine recht angeregte Unterhaltung mit dem Chefkoch der Akademie bayerischer Genossenschaften ("Raiffeisenschule") in Beilngries.
                        Er hat mir gesagt, dass es auch bei begrenztem Budget durchaus möglich ist, beim Essen kreativ zu sein. Er hatte sich z.B. hinter seiner Küche einen Kräutergarten angelegt, der ohne Kosten betrieben werden konnte. Und eine Prise Thymian oder Rosmarin geben einer Soße zum Rindfleisch gleich einen ganz anderen Schliff. Wörtlich sagte er: "Es geht da auch um meine Berufsehre als Koch".

                        Natürlich muss man ein bisschen flexibel sein und Ideen haben. Nur "Dienst nach Vorschrift" schmeckt man eben auch...

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                        • Malefiz
                          Cold Warrior
                          • 22.12.2010
                          • 384

                          #13
                          Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                          Er hat mir erzählt, dass für "uns" Grenadiere eben diese 4.000 Kalorien als Vorgabe galten.
                          Mir ist so, dass nicht überall die gleichen Sätze galten. In Rotenburg/Wümme z.B. lagen Instandsetzer, Nachschub, Fernmelder und Heeresflieger. Ich meine mich zu erinnern, dass da niedrigere Vorgaben angesetzt wurden.
                          Grüße

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                          • Nemere
                            Cold Warrior
                            • 12.06.2008
                            • 2880

                            #14
                            Zitat von Malefiz Beitrag anzeigen
                            Mir ist so, dass nicht überall die gleichen Sätze galten.
                            Diese 4000 Kalorien waren ein Beispiel für die typisch Kampftruppe. Ich kenne es auch so, dass z.B. in Kasernen, wo nur Stäbe lagen, niedrigere Sätze galten. Auch an der Offizierschule in Hannover gab es mit Sicherheit keine 4000 Kalorien am Tag, da wir da die meiste Zeit nur im Hörsaal saßen.

                            Noch zum Thema Auskommen mit den Verpflegungssätzen und Kreativität:
                            Bis in die 1980er Jahre hinein war es durchaus üblich, auch Reste zu verwerten. Wenn z.B. beim Mittagessen Nudeln übriggeblieben waren, wurden diese in einem Nudelsalat verwertet, Bratenreste gab es als Aufschnitt usw.
                            Auch war es damals noch erlaubt, die Essensreste, die nicht verwertet werden konnten, an Schweinezüchter als Futter zu verkaufen. Da rückte dann eben der Bauer aus der Nachbarschaft mit dem Traktor an und holte die Fässer mit Resten ab. Diese Einnahmen kamen wieder den Verpflegungssätzen der Küche zugute.

                            Dank europäischer Union und zahlreicher schwachsinniger EU-Regelungen sind diese Praktiken heute leider verboten, ohne das es einen vernünftigen Grund dafür gibt.

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                            • Malefiz
                              Cold Warrior
                              • 22.12.2010
                              • 384

                              #15
                              Oh, Oh,
                              da gibt es schon einen Grund. Der hat was mit dem Rinderwahnsinn zu tun. Man will den Infektionsweg über infizierte Tiere unterbinden.
                              Grüße

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