Aktivierung teil- und inaktiver (Teil-)Einheiten

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  • MK_6_760
    Rekrut
    • 23.12.2023
    • 6

    #1

    Aktivierung teil- und inaktiver (Teil-)Einheiten

    Zu Zeiten der Heeresstruktur 4 gab es unterschiedliche "Aktiv-Grade" (korrigiert mich, wenn ich die falschen Begriffe verwende) bei den Einheiten. Neben den klassisch inaktiven Einheiten (z. B. den Divisionstruppen-Jägerbataillonen oder den Jägerregimentern des Territorialheeres) gab es die teilaktiven xx1-Bataillone in den Brigaden des Feldheeres, bei denen die Kampfkompanien aktiv (aber anderweitig unterstellt), die StVersKp jedoch inaktiv war. Zudem habe ich bei beiden Einheiten, bei denen ich (in der Frühphase der Heeresstruktur 5) Dienst getan habe erlebt, dass dort faktisch nur zwei der drei vorhandenen Züge aktiv waren.

    Meine Frage (wenn ich jetzt hier hoffentlich keine Staatsgeheimnisse ausgrabe):

    Ist bekannt, welche Zeiträume jeweils veranschlagt waren, um inaktive Züge in aktiven Einheiten, die teilaktiven xx1-Bataillone in den Brigaden des Feldheeres sowie klassisch inaktive Einheiten in einen einsatzbereiten Zustand zu versetzten? Ich kenne mich leider mit den fachlichen Begrifflichkeiten nicht aus, meine aber so ungefähr den Zeitraum zwischen dem Anstoß zur Aktivierung und der Einsatz-/Kampfbereitschaft.
  • Nemere
    Cold Warrior
    • 12.06.2008
    • 2835

    #2
    Der Zeitraum bis zur Herstellung der Einsatzbereitschaft war recht unterschiedlich, da hier sehr viele Faktoren eine Rolle spielten. Generelle Vorgaben sind zumindest mir nicht bekannt.

    Bei der regelmäßig stattfindenden Stabsrahmenübung WINTEX wurde mit Zeitspannen zwischen 2 Tagen und 3 Wochen gerechnet. 2 Tage war z.B. der „kleine“ Sicherungszug mit zwei oder drei Gruppen, der seine Reservisten alle aus unmittelbarer Nähe seines Mobilmachungsstützpunktes bezog und nur über wenig Fahrzeuge/Gerät aus der materiellen Mobilmachungsergänzung verfügte.
    Drei Wochen waren im ungünstigsten Fall die Reservelazarette der Wehrbereichskommandos. Für diese Einheiten mussten pro Lazarettgruppe zusätzlich zu den eingeplanten Reservisten noch ungefähr 250 Zivilpersonen (Krankenschwestern usw.) einberufen werden, was völlig unzureichend vorbereitet war. Außerdem mussten die für diese Lazarette vorgesehenen Gebäude in vielen Fällen erst von ihrer eigentlichen Friedens-Verwendung geräumt und dann für den Lazarettbetrieb hergerichtet werden. Erst dann waren diese Lazarette einsatzbereit.

    Völlig unberechenbar war auch der tatsächliche Zulauf der materiellen Mob-Ergänzung aus dem zivilen Bereich, vor allem der Fahrzeuge. In sehr vielen Fällen musste der Bereitstellungsbescheid dem Fahrzeughalter erst zugestellt werden, wie z.B. bei den PKW. Die Möglichkeit der öffentlichen Bekanntmachung der Einziehung der Fahrzeuge nach § 47 Bundesleistungsgesetz (BLG) war nicht sehr praktikabel, da damit der Gestellungsort nicht bekannt war.

    Dann musste der Fahrzeughalter das Fahrzeug beim Gestellungsort Material beim Leistungsempfänger abliefern. Falls das nicht erfolgte, konnte die Ablieferung nach § 44 BLG unter Anwendung der Vorschriften des Verwaltungsverfahrensgesetzes erzwungen wurden. Dazu waren aber wieder die Kreiswehrersatzämter als Anforderungsbehörde oder eine vom Land bestimmte Behörde erforderlich. Dieses Zwangsverfahren war auch nicht in wenigen Stunden erledigt.

    Ganz verworren wurde es dann, wenn ein Fahrzeughalter einen Leistungsbescheid für seinen PKW und gleichzeitig seine Einberufung als Reservist zur Bundeswehr erhielt. Das „Gestellungsort Personal“ und „Gestellungsort Material“ am gleichen Ort waren, dürfte sehr selten gewesen sein.

    Bei Mobilmachungsübungen waren die Truppenteile meistens nach 1, höchstens 2 Tagen „einsatzbereit“, da hier natürlich Fahrzeuge und Material bereitstanden und auch die Soldaten zum größten Teil angetreten waren, was in beiden Punkte völlig unrealistisch war.

    Es gibt daher in den entsprechenden Befehlen kaum Zeitangaben für die Dauer der Mobilmachung, meistens heißt es nur „macht mobil“ oder „stellt die Einsatzbereitschaft her“. Einige Befehlsauszüge füge ich bei.
    In manchen Befehlen gibt es Vorgaben zum zeitlichen Ablauf nach der Mobilmachung, z.B. in dem beigefügten Befehl des VKK 461 – Merzig für den Sicherungszug 7461. Hier wird unter Punkt g. (3) befohlen: „Auftragsbezogene Ausbildung vom 1. bis 5. Tag nach Mobilmachung“. Ich kann mir nicht vorstellen, dass am 1. Tag nach der Mobilmachung dieser Zug schon so weit vorhanden war, dass man Ausbildung betreiben konnte.

    Bei den Feldjägern war es so, dass man nicht abwartete, bis eine Kompanie oder gar ein Bataillon komplett mobilgemacht war, sondern die Feldjäger wurden in den Einsatz geschickt, sobald eine Teileinheit (also meistens ein Zug) einsatzbereit war. Dass dieses Verfahren wieder neue Schwierigkeiten, z.B. hinsichtlich der Versorgung mit sich brachte, wenn weder die Feldjägerkompanie noch die Stabs- und Versorgungskompanie handlungsfähig waren, war ein anderes Problem. Absolute Priorität bei den Feldjägern hatte in der Anfangsphase eines Konflikt der Einsatz im Verkehrsleitnetz Aufmarsch, deswegen wurden Feldjäger, ähnlich wie die Fernmelder, als eine der ersten Truppenteile mobilgemacht.
    Hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz. Es gab wegen des Einsatzes im Verkehrsleitnetz in dieser Phase kaum Feldjäger, die Nachforschungen nach fahnenflüchtigen Soldaten hätten fahren können, ohne diese fehlenden Soldaten war aber der mobilzumachende Truppenteil bestenfalls eingeschränkt einsatzbereit. Es fehlen eventuell Fahrzeuge, damit der Truppenteil ausrücken konnte. Die Polizei, die letzten Endes den Leistungsbescheid hätte vollziehen müssen, war aber in vielen Fällen anderweitig gebunden.
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    • DeltaEcho80
      Cold Warrior
      • 09.03.2013
      • 1711

      #3
      Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
      Bei Mobilmachungsübungen waren die Truppenteile meistens nach 1, höchstens 2 Tagen „einsatzbereit“, da hier natürlich Fahrzeuge und Material bereitstanden und auch die Soldaten zum größten Teil angetreten waren, was in beiden Punkte völlig unrealistisch war.
      Ich "durfte" das im November 1999 mal live mit erleben. Wir hatten mit der 5./352 den Auftrag bekommen, eine "Truppenwehrübung Form 2" mit unserer Schwesterkompanie, der 5./362 aus dem nichtaktiven Schwesterbataillon 362 durchzuführen. Die 362er waren damals ja als sogenanntes Aufwuchsbataillon am Standort Mellrichstadt gekadert.

      Das fing schon damit an, dass unser Spieß händeringend Kameraden gesucht hat, die den Meldekopf für die Reservisten besetzen. Die waren nämlich in 2 Kontingenten einberufen worden, die einen für Donnerstag Abend 18 bis 22 Uhr, die anderen für Freitag Nachmittag, 14-16 Uhr. Dann musste das Thema "Unterkunft" gelöst werden, da wir ja in Mellrichstadt kaum freie Kapazitäten hatten. Gut, dann wurden eben die Offiziere und einige Portepees im Hotel Sturm in Mellrichstadt einquartiert - die Abrechnung musste aber erst mit dem WBGA geklärt werden.

      Nächstes Problem war, den SanBereich dazu zu bekommen, am Freitag Nachmittag die Einschleusungsuntersuchung durchführen zu können. An sich waren die Reservisten bereits im Vorfeld auf Tauglichkeit untersucht worden, aber manchem Kameraden fiel dann bei der Anreise nach MET ein, dass man keinen Bock auf Wehrübung hat und sich mal schnell krank melden könnte.

      Unser Spieß musste der San-Gruppenführerin SU(w) mehrfach unter 4 Augen klar machen, dass das nicht sein Privatvergnügen ist und ein Befehl.

      Dann kam das Material- und Ausrüstungsproblem. Unser VDF hatte zwar den Auftrag, einen kleinen Handbestand an Material bereit zu halten, um kleinere Ergänzungen an fehlender Ausrüstung vornehmen zu können, aber manche der Reservisten reisten doch tatsächlich in zivil und mit "leichtem Gepäck" an. Der Bataillonskommandeur war zwar der Meinung, man könnte diese Kameraden doch "mal eben schnell" in den KOM des Bataillons setzen und nach HAB zur Einkleidung fahren. Gab aber mehrere Probleme: Der KOM war mit einer anderen Kompanie in Bergen-Hohne und die Kleiderkammer in Hammelburg hat Freitag um 13 Uhr Feierabend gemacht. Und die Bundeswehr-Bürokratie hatte mit dieser Vorgehensweise ebenfalls ein Problem, denn die Kameraden galten ja als eingekleidet und eine "doppelte " Einkleidung war schlicht unmöglich.
      Also, Entscheidung: Die Kameraden, bei denen es keinen Sinn machte, wurden wieder heim geschickt. Wobei ich auch hier unterstelle, dass manche das absichtlich so gemacht haben. Wobei das unser Spieß bei der Vorbereitung schon gewusst und berücksichtigt hatte. WIMRE waren deshalb auch einige Kameraden mehr einberufen worden.

      Nächstes Thema: Verpflegung. Ich habe die Kameraden lt. Liste vom KWEA für Freitag, Samstag, Sonntag und Montag Frühstück in Verpflegung gemeldet, woraufhin der Küchenmeister am Telefon mal eben völlig ausgetickt ist. Die wussten angeblich von nichts.

      Weiter ging es dann damit, dass unser Spieß bei sämtlichen Kompanien Ausbilder zusammen suchen musste, um die Reservisten über das Wochenende bei Laune zu halten. Von Fahrzeugen etc. ganz zu schweigen. Dazu kam, dass unser Chef damals im Krankenstand war und unser KpOffz die Kompanie geführt hatte. Der wollte natürlich Spektakel haben. Problem war, dass die anderen Kompanien dann eben Kameraden zur Übung befohlen hatten. Deren Motivation war natürlich mit den Händen zu greifen. Nicht.
      Im Endeffekt lief es dann auf Unterricht am Freitag, Zugschießen am Samstag und Geländeausbildung am Sonntag Vormittag hinaus.

      Die Nachbereitung und der Papierkrieg haben den Spieß, den KpTrpFhr und mich dann fast nochmal 2 Wochen beschäftigt. Da dachte ich mir, wie das wohl früher im Falle einer wirklich ernsten Mobilmachung abgelaufen wäre.... Wir waren ja immerhin damals nicht mehr im Kalten Krieg.
      Zuletzt geändert von DeltaEcho80; 14.01.2024, 17:41.

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      • Malefiz
        Cold Warrior
        • 22.12.2010
        • 374

        #4
        Was ist eine "Truppenwehrübung Form 2" ?

        Man vergiesst ja soviel..... Ich hatte zwischen 81 und 92 mehrfach pro Jahr Wochenendübungen in Augustdorf. Dort nahmen wir (Offz. u. Uffz. SichBtl) an den Unteroffiziersweiterbildungen des PzAufklärungsbataillon 7 teil. Das lief deutlich einfacher ab. Kein SanBereich.

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        • Nemere
          Cold Warrior
          • 12.06.2008
          • 2835

          #5
          Zitat von Malefiz Beitrag anzeigen
          Was ist eine "Truppenwehrübung Form 2" ?.
          Wenn ich mich recht erinnere, gab es Truppenwehrübungen Form 1 und 2. Die eine war mit Volltruppe, hier wurde also die komplette nichtaktive Einheit einberufen, die andere war nur für das Führungs- und Funktionspersonal.
          Zuletzt geändert von Nemere; 14.01.2024, 20:38.

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          • Malefiz
            Cold Warrior
            • 22.12.2010
            • 374

            #6
            Dann entsprachen meine Wochenend-Übungen wohl der Form 2. Bei den Mobilmachungsübungen war ich auch bei jeder 2. beim Funktionspersonal, dann dauerte die Übung 3 Wochen, sonst 2. Das Funktionspersonal hat die Materialausgabe zwei bis drei Tage vorher vorbereitet. Die Stationen für die Einschleusung aufgebaut. Waffen und Fahrzeuge zum Mob-Stützpunkt gebracht. Am Einschleusungstag kamen die Reservisten um 10 Uhr.
            Bis Nachmittags waren alle mit Bussen in den Verfügungsraum gebracht.

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            • DeltaEcho80
              Cold Warrior
              • 09.03.2013
              • 1711

              #7
              Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
              Wenn ich mich recht erinnere, gab es Truppenwehrübungen Form 1 und 2. Die eine war mit Volltruppe, hier wurde also die komplette nichtaktive Einheit einberufen, die andere war nur für das Führungs- und Funktionspersonal.
              Ja, so war es.

              Form 2 war die für Führungs- und Funktionspersonal. Form 1 war die mit Volltruppe, die waren damals (1999/2000) vom Verteidigungsministerium per Weisung aber ausgesetzt, mangels Wehrübungstagen.

              Die Kameraden waren damals von Donnerstag Abend bis Montag Mittag einberufen worden. Die Übungen fanden statt oder mussten stattfinden, weil die Zuordnung der 362er als Aufwuchsbataillon noch relativ neu war. Unser Spieß war nach der Übung tagelang stinksauer, weil selbst die Zugführer der MOB-Kompanie absolute Chaoten waren. Oder sie hatten einfach keinen Bock, da sich ein gewisser Unmut über die Kaderung des einst so stolzen Walldürner Bataillons breit gemacht hatte. Das kam in jedem 2. Satz: " Was sollen wir jetzt hier in der eiskalten Rhön, der Odenwald ist viel schöner". "Ich wusste gar nicht, wo Mellrichstadt liegt".

              Es gab einen HFw d.R., der dann immer wieder mal Wehrübungen bei uns absolviert hat, der war im Zivilberuf Elektromeister und Inhaber eines Handwerksbetriebes. Der konnte wenigstens führen.

              Das muss auch in der Nachbesprechung der beiden Kommandeure, der Chefs und der Spieße gewaltig Ärger gegeben haben, aber das habe ich nicht mehr mitbekommen. Die 362er hatten damals einen sehr charismatischen Kommandeur, der hier sehr viel Herzblut investiert hat und dann sehr enttäuscht war. Ich habe dann gegen Ende meiner Dienstzeit nur noch mitbekommen, dass im Frühjahr 2000 dann eine solche Truppenwehrübung Form 2 in der 4./352 angesetzt wurde. Hier musste ich dem damaligen Spieß unsere Unterlagen übergeben und die Leitz-Ordner zu ihm schleppen. Ich durfte auch eine Auswertung schreiben. Leider war ich damals noch nicht so fix im Kopf, eine "Sicherungskopie" für mein Privatarchiv zu machen ;-)
              Zuletzt geändert von DeltaEcho80; 15.01.2024, 08:55.

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              • Nemere
                Cold Warrior
                • 12.06.2008
                • 2835

                #8
                Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                Wir hatten mit der 5./352 den Auftrag bekommen, eine "Truppenwehrübung Form 2" mit unserer Schwesterkompanie, der 5./362 aus dem nichtaktiven Schwesterbataillon 362 durchzuführen.
                Aus meinen Erfahrungen mit einigen Mobilmachungsübungen, die zu organisieren hatte oder bei denen ich mitwirken durfte/musste, würde ich sagen, dass alle diese Probleme vorhersehbar waren und bei jeder solchen Übung mehr oder weniger ausgeprägt vorkamen.
                Vieles hätte durch entsprechende vorbereitende Planung vermieden werden können. Hier ist dem Kompaniefeldwebel der durchführenden Kompanie aber kein Vorwurf zu machen, auf dem Rücken von ihm und seinen Soldaten wurden diese Mißstände schließlich ausgetragen. Ich würde die geschilderten Vorkommnisse aber eher als das bekannte Problem „Der Fisch stinkt vom Kopfe“ charakterisieren.

                Eine Wehrübung kommt nicht aus dem heiteren Himmel, sondern wird von der Division oder der Brigade angeordnet. Der Befehl dafür wird dort in der für die Mobilmachung zuständigen Stabsabteilung erstellt, hier sollten Leute sitzen, die vom Ablauf solcher Aktionen und den dabei auftretenden Friktionen Ahnung haben. Hier hätte bereits auffallen müssen, dass einige Stellen außerhalb des Mellrichstädter PzGrenBtl 352 hätten beteiligt werden müssen, denen das Bataillon nichts befehlen kann, z.B. die Bundeswehrverwaltung in Form der Standortverwaltung. Diese Stellen hätten also im Verteiler des entsprechenden Befehls bereits mitbeteiligt werden müssen, geschickterweise hätte man sie in einer entsprechenden Ziffer des Befehls bereits um Zusammenarbeit gebeten.

                Dieser Befehl landet beim PzGrenBtl 352 und spätestens hier hätte der Befehl „umgesetzt“ werden müssen und nicht einfach im Durchlaufverfahren an die Kompanie weitergeleitet werden dürfen. Der S 3-StOffz, der letztendlich für solche Übungen zuständig ist, hätte erkennen müssen, dass innerhalb der Bataillons einige Stellen beteiligt werden müssen, denen die mit der Durchführung beauftragte 5./PzGrenBtl 352 nichts befehlen kann. Es wäre also zweckmäßig gewesen, eine Stabsbesprechung unter Teilnahme von KpChef und KpFw der 5. Kp anzusetzen, den Verlauf der MobÜbung durchzusprechen, notwendige Handlungsweisen festzulegen und vor allem Verantwortliche einzuteilen. Der S 3 hätte auch wissen müssen, das der KpChef der 5. Kp krank ist und der – wahrscheinlich – unerfahrene KpOffz die Kompanie führt. Umso wichtiger wäre es gewesen, das der S 3 selbst die Sache unter Kontrolle hält und dem Kompanieoffizier mit entsprechenden Maßnahmen und Ratschlägen unterstützt.

                Zu einzelnen Punkten, die in dieser Stabsbesprechung zu regeln gewesen wären:
                Die Verpflegung wäre eindeutig Sache des S 4-Offz gewesen, ihm untersteht die Verpflegungsgruppe und damit die Küche. Auch die zu erwartenden Probleme mit der Bekleidung sind ganz klar Sache des S 4, er hätte dazu mit der Bekleidungskammer in Hammelburg Verbindung aufnehmen müssen. Leider hatte man den Bataillonen die eigenen Bekleidungsvorräte weggenommen, die früher so etwas einfacher machten.
                Wenn aus Anlass dieser Übung in der Küche das Zivilpersonal Überstunden machen muss, wäre das durch S 4 und Truppenverwaltung (auch der Truppenverwaltungsbeamte nimmt natürlich an einer solchen Besprechung teil) zu regeln gewesen. Ggf. muss hier die Standortverwaltung ins Boot geholt werden, da das Zivilpersonal im Normalfall dort seinen Arbeitsvertrag hat. Gleiches gilt auch für die evtl. benötigte Bekleidungskammer in Hammelburg, falls auch dort für Zivilpersonal abweichende Arbeitszeiten nötig werden.
                Die Regelung der Einschleußungsuntersuchung wäre ganz eindeutig Sache des Truppenarztes gewesen, so dieser nicht vorhanden war, wieder Sache des S 4. Der KpFw braucht sich bei einer sauberen Regelung dazu nicht mit der Frau SanGrpFhr herumstreiten.
                Die Bereitstellung eines KOM für den zu erwartenden Transfer nach Hammelburg wäre Aufgabe des Techn. Stabsoffiziers gewesen, nötigenfalls durch Anmietung bei einem Busunternehmer.
                Die Truppenverwaltung hätte die notwendige Anmietung von Unterkünften besorgen sollen und dazu ggf. die nötigen Verträge schließen oder sich um die Abrechnung kümmern müssen. In manchen Standorten hatten die Standortverwaltungen sogar für solche Fälle Rahmenverträge mit der örtlichen Gastronomie.
                Außerdem war der BtlKdr des PzGrenBtl 352 Kasernenkommandant in Mellrichstadt. Sein Standortfeldwebel hätte also auch Auskunft geben können, welcher Kompanieblock noch über freie Kapazitäten verfügte, so dass auch das Unterkunftsproblem bei dieser Stabsbesprechung hätte geklärt werden können.

                Ein Schwachpunkt war eindeutig das Führungsverhalten des als Kompaniechef fungierenden Kompanieoffiziers der 5./352. Er hätte ganz klar das Personal für die Besetzung des Meldekopfes befehlen müssen, er hätte die Ausbilder (und ggf. auch die Ausbildungsthemen) für die Ausbildung am Wochenende festlegen müssen und das nicht auf den KpFw abwälzen dürfen. Falls das mit dem Personal der 5./352 nicht abzudecken gewesen wäre, hätte bei der erwähnten Stabsbesprechung der Einsatz von Soldaten der anderen Kompanien vom S 3-StOffz befohlen werden können.

                Es mag natürlich sein, dass eine Reihe der geschilderten Unzuträglichkeiten auf die mangelnde Erfahrung in der Panzergrenadiertruppe mit Mobilmachungsübungen zurückzuführen war. Die PzGrenTr hatte in der Heeresstruktur 4 keine geschlossenen Einheiten mobilzumachen, sondern nur einzelne Reservisten in bestehende Verbände aufzunehmen. Selbst die St/VersKp der 1..-er Bataillone waren immer mit Teilen (Feldküchen, Sanitäter, Inst) vorhanden.
                Auch wurde in der Offizier- und Feldwebelausbildung die praktische Durchführung der Mobilmachung meistens sehr, sehr sparsam behandelt. Lediglich bei den Truppenteilen, die einen sehr hohen Mobilmachungsgrad hatten, wie die Sanitätstruppe oder die Feldjäger, wurde hier etwas mehr gemacht. Bei den Feldjägern war eigentlich jedem Offizier und jedem Feldwebel klar, das im V-Fall mindestens 70 % des Vereins aus Reservisten bestehen würde und das zu den im Frieden vorhandenen sechseinhalb gekaderten Bataillonen noch elf Reservebataillone hinzukommen würden.
                Solche Mobilmachungsübungen stehen und fallen mit einer guten Organisation. Dabei kann man davon ausgehen, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgeht.
                Zuletzt geändert von Nemere; 15.01.2024, 15:42.

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                • DeltaEcho80
                  Cold Warrior
                  • 09.03.2013
                  • 1711

                  #9
                  Wow, jetzt hast du mich aber "zerlegt" :-)

                  Aber hier sieht man mal wieder, wie unterschiedlich die Wahrnehmungen sind. Ich habe das aus meiner Sicht als Soldat im GeZi geschildert, der am langen Ende den ganzen Kram "auf den Tisch" bekam.

                  Das Thema wurde wohl weit im Vorfeld schon in der Chefbesprechung besprochen, aber unser Chef war eben krank und der KpOffz war da irgendwo auf Lehrgang. Es hat wohl keiner gedacht, dann jemand anderen aus der Kompanie dazu zu holen.

                  Unser Spieß hat dann mehr oder weniger das alles ausbaden müssen, was du angeführt hast. Er selbst hatte es auf der Spieß-Besprechung ca. 5 Wochen vorher erfahren, als ihn ein anderer Spieß drauf angesprochen hatte. So meine Kenntnis.

                  Wir haben dann halt versucht zu retten, was noch zu retten war. Den Meldekopf haben wir auch besetzt bekommen, aber da hat es z.B. mich getroffen, der keinen weiten Weg nach Hause hatte. Auch das Unterkunfts-Thema konnten wir lösen, da der Standortfeldwebel das unkompliziert mit Stuben in der damaligen FErsKp lösen konnte. Aber halt alles recht kurzfristig.

                  Was ich vielleicht noch erläutern muss, ist, dass wir zu dem Zeitpunkt ein "Leerquartal" hatten und kaum Mannschaften (exakt 5) da waren. Weiter hatte der Spieß aufgrund des Leerquartals bereits vor Bekanntwerden der Wehrübung einige der Uffze und Feldwebel in Lehrgänge eingesteuert, damit den "Herren nicht langweilig wird" im Leerquartal. Die standen dann natürlich bei der WÜ nicht mehr als Ausbilder zur Verfügung. Wir hatten zu der Zeit Tage in der Kompanie, da war unsere Verpflegungsstärke bei 12 Mann/Frau.

                  Das Thema mit der fehlenden Ausstattung wurde dann so gelöst, dass ich am Samstag in aller Herrgottsfrühe mit einem guten alten VW-T3 Achtsitzer die betreffenden Herren nach HAB geschaukelt habe, die haben ihre fehlenden Teile bekommen und dann gings zurück nach MET.

                  Wir hatten damals einen Bataillonskommandeur, der seine 2 Jahr als Kommandeur mehr oder weniger ausgesessen hat, weil er Militärattaché werden wollte. Der hat sich um nichts Operatives gekümmert und nur Forderungen gestellt.

                  Einen Truppenarzt hatten wir damals auch nicht (mehr), da dieser den Einödstandort Mellrichstadt verlassen hatte und wir von einer zivilen Vertragsärztin aus NES betreut wurden.

                  Kommentar

                  • Nemere
                    Cold Warrior
                    • 12.06.2008
                    • 2835

                    #10
                    Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                    Wow, jetzt hast du mich aber "zerlegt" :-)
                    Entschuldigung, ich wollte nicht Dich "zerlegen". Ich wollte nur, von Deiner Schilderung ausgehend, beschreiben, wie man so eine Sache normalerweise hätte anpacken sollen.

                    Kommentar

                    • DeltaEcho80
                      Cold Warrior
                      • 09.03.2013
                      • 1711

                      #11
                      Alles gut, ich hoffe, du verstehst, wie es gemeint war.

                      Mir wurde nur beim Lesen deiner Ausführungen bewusst, dass ich da als 19jähriger Soldat auch noch nicht den Überblick über das große Ganze hatte.

                      Kommentar

                      • MK_6_760
                        Rekrut
                        • 23.12.2023
                        • 6

                        #12
                        Mal losgelöst von der Situation bei den PzGrenBtl 352/362: Zu meiner Zeit (Stand "Der Reibert" 1993) wurde das "Teilungskonzept" (aktives + inaktives Bataillon in der Brigade) als DIE Neuerung der Heeresstruktur 5 verkauft. Wurde - mal übergreifend betrachtet - dieses Teilungskonzept wirklich flächendeckend beübt? Oder stand das mehr oder weniger nur auf dem Papier?

                        Kommentar

                        • DeltaEcho80
                          Cold Warrior
                          • 09.03.2013
                          • 1711

                          #13
                          Dieses Konzept hieß mW offiziell "KURA - Kaderung und rascher Aufwuchs".

                          Mein Eindruck war und ist, dass das in der Praxis unbedingt zu 100% so lief, wie man sich das vorgestellt hatte.

                          Wobei es natürlich auf die Rahmenbedingungen und die handelnden Personen ankam. Bei den Rahmenbedingungen gab es meiner Meinung nach folgende Friktionen:

                          1. Das System wurde zwar aus Kostengründen eingeführt, aber dann durch das Streichen von Wehrübungstagen irgendwie tot gefahren
                          2. Material für die Coleur-Bataillone war ebenfalls immer ein heikles Thema, wenn Ausbildungsvorhaben anstanden
                          3. Die Personal-Schiene hat immer um ihre Stellenbesetzungen in den n.a.-Bataillonen gerungen
                          4. Die Aufwuchsbataillone wurden öfters an andere Standorte verlegt oder umgegliedert oder aufgelöst, so dass sich das System nie richtig einlaufen konnte

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                          • Nemere
                            Cold Warrior
                            • 12.06.2008
                            • 2835

                            #14
                            Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                            Wobei es natürlich auf die Rahmenbedingungen und die handelnden Personen ankam. Bei den Rahmenbedingungen gab es meiner Meinung nach folgende Friktionen:
                            Treffender kann man es kaum ausdrücken.

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                            • DeltaEcho80
                              Cold Warrior
                              • 09.03.2013
                              • 1711

                              #15
                              Ich habe zu Corona-Zeiten sehr viele Chroniken und Homepages ehemaliger und aktiver Verbände gelesen.

                              Hier wird auch immer wieder auf dieses Thema eingegangen.

                              Was mir auffällt, ist, dass Standorte wie Munster, Augustdorf usw. da einfach auch ganz andere Möglichkeiten hatten als ein "Einödstandort" wie Mellrichstadt.

                              Wir hatten ja nicht mal genug KFZ für solche Aktionen, wenn wir nicht umfangreiche "Ausleihungen" tätigen wollten.

                              Im April 2000 waren wir mit den Dienstgraden und 2 Mannschaften unserer Kompanie auf der Winkelmoosalm. Da haben wir u.a. einen VW aus Wildflecken geliehen. Aber auch nur, weil unserer KpTrpFhr da Connections hatte.

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