Versprengte und "Rückkämpfer"

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  • Nemere
    Cold Warrior
    • 12.06.2008
    • 2835

    #1

    Versprengte und "Rückkämpfer"

    Wir hatten vor einiger Zeit mal das Thema versprengte Soldaten, Durchschlagen zur eigenen Truppe und Einzelkämpferausbildung. Dabei kamen wir auch auf die Erfahrungen der sog. „Rückkämpfer“ der Wehrmacht zu sprechen, also der deutschen Soldaten, die nach den großen Kesselschlachten an der Ostfront 1944 sich zu den eigenen Linien durchschlugen.

    Zur Ergänzung dazu:
    Ich bin an den Bericht eines Hauptfeldwebels des damaligen Grenadier-Rgt. 952 gekommen. Er war als Kompaniefeldwebel eingesetzt und wurde während der Kesselschlacht bei Brody (Westukraine) am 20. Juli 1944 von seiner Truppe getrennt. Am 1. August 1944 erreichte er wieder eigene Linien.
    Die 361. Infanteriedivision, zu der das Gren.Rgt 952 gehörte, wurde wie 5 weitere deutsche Divisionen, im Kessel von Brody weitgehend aufgerieben.
    Der Bericht schildert sehr eingehend das Chaos angesichts des durchbrechenden Feindes und der ständigen Luftangriffe, das spurlose Verschwinden von Soldaten in unübersichtlichen Situationen, aber auch die Unterstützung durch ukrainische Zivilisten. Die Ausgangssituation wäre bei der Bundeswehr etwa vergleichbar mit dem Bataillonsgefechtstand Rück / Einsatzraum rückwärtige Versorgungsdienste eines Kampftruppenbataillons.

    Quelle:
    Bundesarchiv – Militärarchiv RH 15/326, Vernehmungsprotokolle von Rückkämpfern
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  • EmilBerggreen
    Cold Warrior
    • 19.07.2015
    • 514

    #2
    Das Thema finde ich hochspannend!

    Es gibt in Carells Buch "Verbrannte Erde" einen sehr beeindruckenden Bericht über Uffz Johannes Diercks (8. Battr./HeeresArtRgt 36 - der 383. ID unterstellt) und seine Gruppe, die sich unter unvorstellbaren Bedingungen von Bobruisk, dem Desaster an der Beresina, sich erst viele Monate später nach Suwalki/Ostpreußen zurückkämpfte. In Weißrussland, einer Umgebung, die im Sommer 1944 absolut feindselig war. Zivilbevölkerung - Nahrungskonkurrent, Partisanen und Rote Armee - gemeinsam auf Jagd auf Versprengte der Wehrmacht und was sie dann mit ihnen anstellten, war in der Regel nicht gut. Angesichts des dt. Vernichtungskrieges in Weißrussland natürlich die natürliche Reaktion auf Unterdrückung, Einsatzgruppen, Völkermord, Aushungerung etc.

    Ich werde dazu später noch etwas schreiben.

    Kommentar

    • EmilBerggreen
      Cold Warrior
      • 19.07.2015
      • 514

      #3
      Die Vernichtung der Heeresgruppe Mitte in Weißrussland im Sommer 1944.
      Hier sinngemäß noch ein paar Zeilen aus Paul Carell: Verbrannte Erde, 1966, S. 454 ff.

      Gruppe Diercks. 8. Batterie/Heeresartillerieregiment 36 i. Verband mit 20. PD deckt den Rückzug des XXXV. Korps bei Paritschi (heute Swetlahorsk, südl. von Minsk an der Beresina) über die Beresina. Kampf um Brücke und Rollbahn (mit ziemlich schlimmen Szenen aus nackter Verzweiflung im Überlebenskampf), Einheit gerät selbst in die blutigen Geschehnisse um die Beresina.

      In einem Dornenbusch begann die Odyssee des Unteroffiziers Johannes Diercks. Zuerst allein. Dann kam Unteroffizier Brixius mit vier Mann dazu. Und so zogen sie in die erste Nacht. Tagsüber versteckten sie sich in den Sümpfen. Mit Hunger. Und im Ohr das Rattern sowjetischer Kolonnen, die drüben auf der Rollbahn nach Westen fahren. Diercks hat eine Karte. Und Brixius einen Kompass. Danach machen sie einen Marschplan. Die Heidelbeeren sind zuerst noch grün. Aber mit den Tagen werden sie reifer und reifer. Die Zeit messen sie an der Farbe der Beeren. Sie schießen sich mit russischen Patrouillen und Suchkommandos herum. Sie treffen andere deutsche Gruppen. Begegnen der Besatzung einer abgeschossenen He 111. Gehen zusammen. Trennen sich wieder. Sie paddeln auf einem alten Holzstamm ihre Nichtschwimmer durch den Ptitsch (Pzitsch/Пціч). … Sie requirieren mit der Pistole in der Faust Brot und dann und wann ein paar Feldflaschen voll Milch. Schwieriger ist es, an eine Handvoll Salz und eine Schachtel Streichhölzer zu kommen. Sie treffen auf eine größere Flüchtlingsgruppe von vierzig Mann, die von einem Oberst geführt wird. Aber dann trennt man sich wieder – jede Gruppe hat ihr eigenes Gesetz.
      Ein Zug vom Nebelwerferregiment 52 stößt zu Diercks und schließt sich an. Der Leutnant unterstellt sich dem Unteroffizier. Der Mann führt, nicht der Rang. Man braucht ein Ziel bei einem solchen Marsch um Leben und Tod. „Was ist unser Ziel, Diercks?“ Sie studieren die Karte. Sie liegen im regenfeuchten Wald. Und sie beschließen: Richtung Ostpreußen.
      Sie überqueren die Memel. Werden listig wie uralte Trapper. In einer Minute und lautlos sticht der Schlachtermeister Jakobs ein Schaf im Stall. Beine zusammengebunden. Ein Knüppel dazwischen zum Tragen. Dann ziehen sie weiter. Im Wald wird ausgeschlachtet.
      Woche um Woche vergeht. Die Uniformen sind zerrissen. Die Köper abgemagert. Bärtig das Gesicht. Nur der Blick sticht hervor und der Blick ist hart. Der Mund verschlossen. Sie sehen alle aus wie Brüder, alle, die in jenen Wochen nächtens von Minsk nach Westen ziehen. Die Rückkehrer aus deutschen Kesseln an der Beresina. Die Pripjet-Sümpfe (die sind doch viel weiter im Süden, fernab vom Kampfgeschehen, oder liege ich da falsch?) liegen längst hinter ihnen
      … deutsche HKL … treffen auf frische Kampfspuren … Runkelrüben (ältere Bezeichnung für Steckrüben?) als Hauptmahlzeit … vierzehn Kilometer ostwärts Suwalki hat die Gruppe Diercks am 14. August 1944 die dt. Front der 170. Infanteriedivision erreicht. 450 Kilometer Luftlinie, das sind mit Umwegen 650 Marschkilometer (!!!), haben sie hinter sich gebracht. Eine Strecke wie von Berlin nach Aachen. Immer in Feindesland.
      Also ein absolutes Endzeit-Szenario in einer absolut feindlicher Umwelt. Kein Rückzugsraum, nichts. Nach dem Motto: „Nahezu alles ist Feind!“ und „Es wird von der anderen Seite keine Gnade gegenüber deutschen Besatzern geben“.

      Mich wundert ehrlich gesagt, dass die Einzelkämpferlehrgänge der Bundeswehr ihren Ursprung in der US-Rangerausbildung hatten und nicht oder wahrscheinlich wenig auf den Kriegserfahrungen 1944 in Russland basierten. So zumindest mein Kenntnisstand. Es ist doch etwas völlig anderes, ob ein gut genährter US-Ranger für 36 Stunden auf eine Durchschlageübung oder ein vom Krieg gezeichnete Landser, in einer Art Endkampf.
      Unterernährt, ausgezehrt, schon vorher von Gefechten gezeichnet, lange Zeit mit Schlafmangel, möglicherweise auch leicht verwundet, etc., etc.
      Das kann man natürlich überhaupt nicht vergleichen. Ich könnte mir aber vorstellen, dass sich der Großteil der Heeresgruppe Mitte schon vor Beginn der sowjetischen Operation Bagration in einem schlechten bis erbärmlichen Zustand befunden hatte. Die vorangegangenen Autobahnschlachten hatten mit Sicherheit ihren physisch wie psychischen Tribut gezollt. So zumindest meine Vermutung.
      Natürlich nach Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte mussten sich auf einmal auch Angehörige anderer Waffengattungen; - die Infanteristen mussten das ja mehr oder weniger schon die ganze Zeit über erleiden – wie Feldküche, Artilleristen, Fernmelder, alles möglich auf einmal „infanteristisch“ kämpfen und überleben. Gut, mit Ausnahmen sicherlich.

      Zurück zur Gruppe Diercks. Okay, Carell schildert die typische Landserlyrik, für die er oft angefeindet wurde und Carell ist aus Sicht vieler Militärhistoriker keine valide und geeignete Quelle, doch ich denke nicht, dass er sich die Erzählung nur aus den Fingern gesogen hat. Viele Dinge treffen mit Sicherheit zu.

      650 km querfeldein durch Feindesland, mitten im Krieg. Schlafmangel, Hunger, Mangelernährung, ein erbärmlicher Gesundheitszustand, viele Dinge, die zusammenkommen, wenn man so lange im Feld leben muss - also fern der ortsfesten Unterkünfte.
      Diese 650 km sind aus heutiger Sicht, meines Erachtens kaum möglich. Nicht unter diesen Umständen. Als Wanderung zu Friedenszeiten ja, aber nicht als Durchschlageübung mitten im Krieg, in dem sich die eigene Truppe schon weit hinter einem befindet und sich immer weiter nach Westen verschiebt. Wandernde Kessel, Gejagte von Roter Armee und Partisanen und das über eine so lange Strecke? Nur nachts marschieren, tagsüber verstecken und jede Nacht wieder der gleiche Kampf um Nahrung und Unterschlupf.

      Da sind wir wieder bei der Kernfrage: hatten die damaligen Soldaten eine wesentlich härtere Robustheit, einen sehr viel höheren Leidenswillen, eine bessere körperliche Gesamtkonstitution als der heutige verwöhnte und verweichlichte Mensch des Jahres 2020?
      Man kann das sicherlich nicht hundertprozentig beantworten. Egal, ob in der Stadt oder auf dem Land aufgewachsen, egal ob Landwirt, Gerüstbauer oder Banker, es mag Ausnahmesituationen geben, wo ein Mensch im Kampf ums Überleben über sich hinauswächst und in der Lage ist, unmenschliche Strapazen zu bewältigen.

      Kommentar

      • EmilBerggreen
        Cold Warrior
        • 19.07.2015
        • 514

        #4
        Ich glaube wir hatten das Thema aber schon einmal.

        Kommentar

        • Nemere
          Cold Warrior
          • 12.06.2008
          • 2835

          #5
          Zitat von EmilBerggreen Beitrag anzeigen
          Ich glaube wir hatten das Thema aber schon einmal.
          Du hast recht, wir sind schon mal auf diese Thematik eingegangen:

          http://www.cold-war.de/showthread.ph...ge%C3%BCbungen
          Beiträge 18 – 21.

          http://www.cold-war.de/showthread.ph...lanungen/page2
          Beitrag 20

          Bei diesem Beitrag habe ich schon meine Meinung zur „Ranger“-Ausbildung formuliert. Meine Kritik war und ist, das man bei der Einzelkämpferausbildungen die Erfahrungen der Rückkämpfer 1944 nicht an die völlig veränderten Umwelt- und Gesellschaftsbedingungen der Bundesrepublik in den 1980er Jahren angepasst hat.

          Von den Amerikanern ist, glaube ich, außer der in der Anfangszeit der Bundeswehr gebräuchlichen Bezeichnung „Ranger“-Ausbildung gar nicht so viel übernommen worden. Man hat sich wahrscheinlich einiges zur Methodik abgeschaut, wie z.B. das Leben in selbst gebauten Zweighütten oder Fallschirm-Tipis, aber bald hat auch keiner mehr von Rangern gesprochen, sondern das Einzelkämpferabzeichen der Bundeswehr wurde schon selbst zu einem gewissen Markenzeichen.

          Von Carell halte ich nicht viel. Seine Bücher sind eine gehobene Form der Landserheftchen mit Tendenz zum Märchenbuch - nicht mehr. Sie lesen sich spannend, sind aber äußerst oberflächlich und machen auch gar nicht den Versuch einer Problemanalyse. In „Unternehmen Barbarossa“, seinem ersten Buch zum Rußlandfeldzug, ist ihm z.B. die völlig unzureichende logistische Basis der Wehrmacht für den Ostfeldzug einschließlich der Problematik des Transportwesens, kaum einer Betrachtung wert, obwohl hier die Hauptursachen für die Niederlagen der Wehrmacht im Osten liegen. Er nimmt es beispielsweise einfach als gegeben hin, dass eben 1941 vor Moskau die Wintersachen fehlten, ohne auch nur einen Satz daran zu verschwenden, wo denn die tieferen Ursachen für dieses Nichtvorhandensein (nicht nur für das Ausbleiben) der Winterausrüstung lagen.

          Auch Carells Umgang mit Fakten ist mehr als fragwürdig. Du zitierst z.B. oben den Satz „Ein Zug vom Nebelwerferregiment 52 stößt zu Diercks“. Die Geschichte des Uffz Dierks spielt beim Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte, grob an der Beresina und dann nordwärts Richtung Ostpreußen – Suwalki. Das Nebelwerferregiment 52 war aber zu dieser Zeit bei der Werferbrigade 3 eingesetzt, die jedoch nicht der Heeresgruppe Mitte, sondern der Heeresgruppe Südukraine unterstellt war, also hunderte von Kilometern von der Beresina entfernt.

          Carells geographische Angaben sind auch sehr vage, um es mal dezent auszudrücken. Die Pripjetsümpfe bildeten die Südgrenze der Front der Heeresgruppe Mitte. Wenn jemand von Minsk nach Westen zieht, bleibt er gute 100 km nördlich dieser Sümpfe. Und auch die Geschichte dieses Uffz Dierks, der vom südlichen Teil der Beresina nach Norden zur Memel und nach Suwalki marschiert, erscheint mir merkwürdig. Er wäre damit ja quer zum Feind marschiert.

          Zu den Zuständen bei der Heeresgruppe Mitte kann ich nur immer wieder auf das Buch von Niepold, Mittlere Ostfront 1944 verweisen, das ich schon mal hier angegeben habe – vor allem wegen des abschließenden Kapitels „Erfahrungen, Lehren, Anregungen“. Die Südgrenze der HGr. Mitte war am 30. Mai 1944 verlegt worden, gleichzeitig wurde aber ein Großteil der Panzer zur HGr. Nordukraine abgegeben. Die Front der HGr. Mitte verkürzte sich dadurch um 6%, gleichzeitig verlor sie aber 82% ihrer Panzer und 30 % der Heeresartillerie (Niepold, S. 21). Die Frontbreiten und die Gefechtsstärken standen in einem mehr als abenteuerlichen Missverhältnis. Das I. Bataillon des Grenadierregiment 461 hatte mit 321 Soldaten eine Frontlänge von 7 km zu halten, das waren gerade mal 46 Soldaten pro km. Das waren aber normale, nicht motorisierte Infanterieeinheiten. Die 57. Infanteriedivision hatte einen Frontabschnitt von 24 km bei einer Kampfstärke von 2136 Soldaten. Zur Unterstützung hatte diese Division an beweglicher Panzerabwehr gerade mal 6 Sturmgeschütze, außerdem 38 Artilleriegeschütze. Die Reichweite der schweren Artillerie betrug aber nur 13,5 km, konnte also nicht einmal vor der gesamten Front der Division wirken (Niepold, S. 34 – 36).

          Kommentar

          • EmilBerggreen
            Cold Warrior
            • 19.07.2015
            • 514

            #6
            Hallo Jörg,


            ja, das ist korrekt.

            Worauf ich noch einmal gern hinausmöchte, ist die körperliche Leistungsfähigkeit der Rückkämpfer. Eigentlich ja eine unvorstellbare Leistung, auch wenn Du ja sicherlich richtig darlegst, dass Diercks Rückmarsch nach Carells Angaben vielleicht nicht besonders glaubhaft sind, wenn ich Dich richtig verstanden habe.

            Abgekämpfter Landser 1944 vs. gut genährter "Elitesoldat" 1980. Für mich ist es etwas vollkommen anderes, wenn man aus einem zivilen Lebensrahmen oder selbst aus einem militärischen Umfeld heraus, für eine begrenzte Zeit, sagen wir die berühmten 36-Stunden, eine Durchschlageübung unternimmt.

            Bei einer Durchschlageübung herrscht natürlich Übungskünstlichkeit, will heißen im Falle einer Verwundung, kann natürlich sofort eingegriffen werden.

            Und das versuche ich zu ergründen. Der Weg in die sowjetische Kriegsgefangenschaft wäre doch die einfachste Lösung gewesen. Ruhe und zumindest die Aussicht auf Verpflegung. Gemäß deutscher Propaganda wurde vermutlich bekannt gegeben, dass jeder Soldat nach Gefangennahme durch die Rote Armee gefoltert und getötet werden würde. Oder man würde sie ganz einfach verhungern lassen, so wie es umgekehrt 1941 ja im großen Umfang der Fall war. Okay, die wahren oder propagierten Gräuel der Kriegsgefangenschaft waren natürlich präsent und vermutlich die größte Antriebsfeder, diese Strapazen auf sich zu nehmen.
            Also ich denke nicht, dass weder die Infanterie der Wehrmacht noch andere Truppengattungen auf eine solche Situation vorbereitet waren. Meines Wissens gab es bei der Wehrmacht keine Ausbildung "Überleben und durchschlagen". Möglicherweise bei der Spezialeinheit Brandenburger. Vielleicht wurde es ja damals auch gar nicht ins militärische Kalkül genommen, dass man jemals in eine solche Situation versetzt werden könnte. Ausbruch aus einem Kessel (das gab es natürlich häufiger im Kriegsgeschehen), unbemerkt durch fdl. Linien sickern, nachts marschieren und den Nahrungsbedarf entweder aus der Natur entnehmen oder unter Waffengewalt von der Zivilbevölkerung stehlen (oder heimlich).

            Das musste auf die harte Tour gelernt werden. Und immer wieder die Frage: was machen wir mit unseren Verwundeten, die uns belasten und langsamer machen? Außerdem unsere Chancen deutlich vermindern, einen unerwarteten Feuerüberfall mit einer fd. Einheit zu überleben. Lassen wir sie irgendwo im "weißrussischen Busch" zurück, wo sie entweder an ihren Verletzungen erliegen, verhungern oder
            dem Feind in die Hände fallen und von ihm getötet werden.

            Das sind die Dinge, die mich beschäftigen.
            Gruss

            Kommentar

            • DeltaEcho80
              Cold Warrior
              • 09.03.2013
              • 1711

              #7
              Zitat von EmilBerggreen Beitrag anzeigen
              Hallo Jörg,


              ja, das ist korrekt.

              Worauf ich noch einmal gern hinausmöchte, ist die körperliche Leistungsfähigkeit der Rückkämpfer. Eigentlich ja eine unvorstellbare Leistung, auch wenn Du ja sicherlich richtig darlegst, dass Diercks Rückmarsch nach Carells Angaben vielleicht nicht besonders glaubhaft sind, wenn ich Dich richtig verstanden habe.

              Abgekämpfter Landser 1944 vs. gut genährter "Elitesoldat" 1980. Für mich ist es etwas vollkommen anderes, wenn man aus einem zivilen Lebensrahmen oder selbst aus einem militärischen Umfeld heraus, für eine begrenzte Zeit, sagen wir die berühmten 36-Stunden, eine Durchschlageübung unternimmt.

              Bei einer Durchschlageübung herrscht natürlich Übungskünstlichkeit, will heißen im Falle einer Verwundung, kann natürlich sofort eingegriffen werden.

              Und das versuche ich zu ergründen. Der Weg in die sowjetische Kriegsgefangenschaft wäre doch die einfachste Lösung gewesen. Ruhe und zumindest die Aussicht auf Verpflegung. Gemäß deutscher Propaganda wurde vermutlich bekannt gegeben, dass jeder Soldat nach Gefangennahme durch die Rote Armee gefoltert und getötet werden würde. Oder man würde sie ganz einfach verhungern lassen, so wie es umgekehrt 1941 ja im großen Umfang der Fall war. Okay, die wahren oder propagierten Gräuel der Kriegsgefangenschaft waren natürlich präsent und vermutlich die größte Antriebsfeder, diese Strapazen auf sich zu nehmen.
              Also ich denke nicht, dass weder die Infanterie der Wehrmacht noch andere Truppengattungen auf eine solche Situation vorbereitet waren. Meines Wissens gab es bei der Wehrmacht keine Ausbildung "Überleben und durchschlagen". Möglicherweise bei der Spezialeinheit Brandenburger. Vielleicht wurde es ja damals auch gar nicht ins militärische Kalkül genommen, dass man jemals in eine solche Situation versetzt werden könnte. Ausbruch aus einem Kessel (das gab es natürlich häufiger im Kriegsgeschehen), unbemerkt durch fdl. Linien sickern, nachts marschieren und den Nahrungsbedarf entweder aus der Natur entnehmen oder unter Waffengewalt von der Zivilbevölkerung stehlen (oder heimlich).

              Das musste auf die harte Tour gelernt werden. Und immer wieder die Frage: was machen wir mit unseren Verwundeten, die uns belasten und langsamer machen? Außerdem unsere Chancen deutlich vermindern, einen unerwarteten Feuerüberfall mit einer fd. Einheit zu überleben. Lassen wir sie irgendwo im "weißrussischen Busch" zurück, wo sie entweder an ihren Verletzungen erliegen, verhungern oder
              dem Feind in die Hände fallen und von ihm getötet werden.

              Das sind die Dinge, die mich beschäftigen.
              Gruss
              Hallo Emil,

              hattest du / hast du in der Verwandtschaft oder Familie einen Kriegsteilnehmer, der in russischer Gefangenschaft war? Ich glaube, du musst das etwas differenzierter sehen: Die russische Gefangenschaft war alles andere als ein Zuckerschlecken, weil die Russen so aufgehetzt waren, dass sie jeden "Njemitzki" am liebsten tot gesehen hätten. Sicherlich spielt da die politisch motivierte Propaganda eine Rolle, denn die Sowjetunion hat ja schließlich den Krieg auch "persönlich" genommen. Gut, Komissarbefehl etc. spielten natürlich auch eine Rolle.
              Die Amerikaner oder auch die Briten waren da sicherlich etwas "entspannter", was die Behandlung der Kriegsgefangenen angeht.

              Bei den Brandenburgern musst du aber auch wieder sehen, dass die für ein ganz anderes Einsatzspektrum ausgebildet und vorgesehen waren. Die mussten sich mit ganz speziellen Szenarien beschäftigen. "Überleben und Durchschlagen" war für die ja nur die Aufwärmübung sozusagen.

              Das Thema "Verwundete" sehe ich so: Ein Kamerad wird nicht zurück gelassen. Aber irgendwann kommt in solchen Szenarien wie an der zusammenbrechenden Ostfront doch der Punkt, wo man eine Entscheidung treffen muss. Menschlich sicherlich eine der perversesten Extremsituationen, in die man kommen kann. Mein Großvater, der Stalingrad überlebt hat, hat immer gesagt: 3 Kugeln in meiner Pistole waren der absolute Sperrbestand. Die letzte für meinen besten Kameraden und die allerletzte für mich selber, eine war Reserve.

              Schlussendlich glaube ich, dass das Situationen waren, in denen wir uns alle selbst nicht mehr ausmalen können, was die Generation unserer Großväter da erleben musste. Gott sei Dank ist uns das seit 75 Jahren erspart geblieben.

              Kommentar

              • Hoover
                Cold Warrior
                • 19.12.2013
                • 601

                #8


                Das passt dazu.
                "Damals, als ich in meinem Alter war..."

                Kommentar

                • EmilBerggreen
                  Cold Warrior
                  • 19.07.2015
                  • 514

                  #9
                  Hallo DeltaEcho80,

                  ja natürlich. Das Thema "Kriegsgefangenschaft bei der Roten Armee" ist natürlich aus bestimmten Überlieferungen bekannt. Ich denke, die Deutschen wussten nach dem Vernichtungskrieg in Weißrussland sehr gut, was ihnen im Regelfall blühte.
                  Verwundetentransport durch den "weißrussischen Busch" (urwaldartig, sehr viele Gewässer, Moore, Sümpfe) muss die absolute Hölle sein. Vor allem wenn überall Feind ist.
                  Selbstverständlich gilt auch der Grundsatz "Wir lassen keine Verwundeten zurück" aber ich denke in bestimmten Extremfällen wird auch die Kameradschaft ausgehebelt und es gilt allein der Selbsterhaltungstrieb.

                  Grüße

                  Kommentar

                  • Nemere
                    Cold Warrior
                    • 12.06.2008
                    • 2835

                    #10
                    Zitat von EmilBerggreen Beitrag anzeigen
                    Also ich denke nicht, dass weder die Infanterie der Wehrmacht noch andere Truppengattungen auf eine solche Situation vorbereitet waren. Meines Wissens gab es bei der Wehrmacht keine Ausbildung "Überleben und durchschlagen".
                    Es scheint zumindest bereits im Sommer 1942 eine rudimentäre Ausbildung in diesen Dingen gegeben zu haben. Mir liegt der Dienstplan einer Luftwaffenausbildungseinheit vor, die damals überzähliges Luftwaffenpersonal für den Einsatz bei den sog. "Luftwaffen-Felddivisionen" ausbildete. Hier war als Unterricht angesetzt "Verhalten in Feindesland als Versprengter, als Verwundeter und als Gefangener". Da diese Lw-Felddivisionen vorrangig an der Ostfront eingesetzt werden sollten, wird man sich auch auf die Verhältnisse dort bezogen haben. Ich weiß allerdings nicht, welchen Umfang diese Ausbildung insgesamt hatte. Der Plan ist als Anhang beigefügt.

                    Die Masse der Soldaten wird mit allen Möglichkeiten versucht haben, sich der russischen Gefangenschaft zu entziehen. Das Thema "Rückkämpfer" gibt es auch fast ausschließlich an der Ostfront und in geringem Umfang auf dem Balkan. In Frankreich oder Italien, also beim Kampf gegen die Westalliierten, taucht dieses Thema nicht auf. Hier ging man im Falle eines Falles eher in Gefangenschaft.

                    Literatur dazu ist recht spärlich:
                    - Heintz, Daniel: Zerschlagen und vermisst! Rückkämpfer, Rückkehrer und der Abwicklungsstab der Wehrmacht. Aachen 2018. Wobei es in diesem Buch vor allem um die verwaltungstechnische Abwicklung geht.
                    - Hinze, Rolf: Rückkämpfer 1944. (2 Bände), Neustadt 1988. Ein Band mit Berichten von Rückkämpfern, ein Band Studie, in dem auch auf die Motivation der versprengten deutschen Soldaten eingegangen wird. Die Inhaltsverzeichnisse habe ich beigefügt.
                    Angehängte Dateien
                    Zuletzt geändert von Nemere; 01.05.2020, 14:45. Grund: Schreibfehler korrigiert

                    Kommentar

                    • Nemere
                      Cold Warrior
                      • 12.06.2008
                      • 2835

                      #11
                      Ich will nochmal kurz in dieses Thema "Versprengte" und "Durchschlagen zur eigenen Truppe" eingehen. Mir ist ein Merkblatt der Luftwaffe von 1943 in die Hände gekommen, das die Notausrüstung Winter für notgelandete / abgeschossene Flugzeugbesatzungen beschreibt (siehe Anhang). Neben zweifellos nützlichen Dingen sind darin auch "Tauschwaren" wie bunte Kopftücher, Heiligenbildchen und Kruzifixe enthalten. Es fehlen eigentlich nur noch farbige Glasperlen und kleine Handspiegel, dann sind wir bei den Tauschwaren, welche die Entdecker des 16. - 18. Jahrhunderts dabei hatten, wenn sie in die Südsee oder nach Afrika aufbrachen.
                      Da diese Winternotausrüstung natürlich für die Ostfront gedacht war, waren diese Tauschwaren anscheinend für die einheimische russische Bevölkerung gedacht. Ob Kruzifixe und Heiligenbildchen da unbedingt begehrte Tauschwaren darstellten, lasse ich mal dahingestellt. Hoffentllich hat man wenigstens den Stil der Kruzifixe und die abgebildeten Heiligen an die Gewohnheiten der russisch-orthodoxen Kirche angepasst.
                      Angehängte Dateien

                      Kommentar

                      • Nemere
                        Cold Warrior
                        • 12.06.2008
                        • 2835

                        #12
                        Noch ein Nachtrag zum Thema Versprengte und "Rückkämpfer".

                        Hitler hat im November 1944 nach dem Desaster der Heeresgruppe Mitte den "Wunsch" geäußert", das Soldaten, die sich zu den eigenen Reihen durchschlagen konnten, besonders ausgezeichnet werden sollten und automatisch die nächsthöhere in Frage kommende Stufe der Orden erhalten sollten. Die Umsetzung dieses Wunsches durch das Oberkommando des Heeeres mit einer gleich darauf folgenden Einschränkung der Verleihungspraxis füge ich im Anhang bei.
                        Erinnert mich irgendwie an die Verleihungspraxis von Ehrenzeichen usw. bei der Bundeswehr. Die eigentlichen Probleme werden nicht gelöst, dafür gibt es ein Stück Blech. Letztes Beispiel war hier das Veteranenabzeichen.
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