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Auszug aus: „Der Gegenschlag“ von Eric L. Harry* Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co.KG München 2002 (ISBN: 3-453-19905-7)
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"Geosynchroner Orbit, über dem Indischen Ozean 11. Juni, 0525 Uhr GMT (0525 Uhr Ortszeit)
Sieben Sekunden nach der Zündung der Startrakete der SS-18 und drei Sekunden, nachdem sich die Spitze der Rakete aus dem Unterirdischen Silo geschoben hatte, erwärmten sich die Hitzesensoren des zweitausenddreihundert Kilogramm schweren Block-14-Satelliten durch die thermische Strahlung des Abgasstrahls so stark, dass ein Signal ausgelöst wurde. Unverzüglich berechneten die Sensoren des Satelliten, der sich in einer Höhe von 57 580 Kilometern über dem Äquator befand und sich pro Minute siebenmal um sich selbst drehte, die Intensität des Signals und den Entstehungsort auf der Erde.
Der Bordcomputer begann sofort mit dem Abgleich der empfangenen Informationen mit einer Bibliothek, die Temperatur- und Standortdaten aller früher entdeckten Abschüsse enthielt. Als er zwei Sekunden später einen Treffer erzielte, sandte der Satellit eine Warnmeldung an die Erde. »Raketenabschuss / russische SS-18 / Raketenfeld Kartaly Silo Nr.42/0525:17:36Z.«
Die ersten Alarmglocken schrillten im großen Bodencenter im australischen Nurungar und in der Station von Kapaun in Deutschland, die das Signal beide direkt aus dem Weltall erhielten. Gleichzeitig sandte ein Laser die digitalisierte Information an die beiden anderen Block-14-Sa-telliten über Südamerika und dem mittleren Pazifik. Diese wiederum lösten Alarm auf dem Air Force-Stützpunkt der Nationalgarde in Buckley, Colorado, und in den sechs Sattelschleppern aus, die ohne feste Route die endlose Wüste von New Mexico durchkreuzten. Von diesen mobilen Bodenstationen aus operierte das Weltraumabwehr-Kommando der Air Force, wenn ein Überraschungsangriff erwartet wurde. Alle Bodenstationen leiteten die Information gleichzeitig an die Kommandozentralen weiter. Überall heulten in der Stille der hermetisch abgedichteten Kriegsräume und Untergrundbunker die Sirenen: im »Tank« der nationalen militärischen Kommandozentrale im Pentagon; in der Ausweichzentrale tief im Inneren von Raven Rock an der Grenze zwischen Maryland und Pennsylvania, hundertzehn Kilometer nördlich von Washington; im explosionssicheren Kommandoposten des Lufteinsatzkommandos, der, auf drei unterirdische Stockwerke verteilt, auf dem Air Force-Stützpunkt Offut bei Omaha, Nebraska, eine Fläche von über einem Hektar einnahm und in den fünfzehn an Stahlfedern aufgehängten Gebäuden in den riesigen Granithöhlen des Cheyenne, wo die amerikanische Luftabwehr ihre Zentrale hatte. Siebzehnhundert Menschen fühlten, wie ihr Herz kurz aussetzte, bevor sie mit der Routine begannen, die sie so lange für die letzten Minuten ihres Lebens eingeübt hatten.
Als das erste Signal fünfzehn Minuten nach der Zündung der Raketentriebwerke das Luftabwehr-Kommando Nordamerika NORAD in Colorado Springs erreichte, hatten die Infrarotsensoren des Block-14-Satelliten bereits mit der Verarbeitung von vier neuen Hitzesignaturen begonnen, deren Intensität und Abschussort vergleichbar waren. Zwölf weitere entdeckte Signale waren zum späteren Abgleich im Puffer gespeichert. Die Pufferspeicher enthielten Daten für eine Verarbeitungszeit von drei Minuten und siebenundvierzig Sekunden, für einen Computer eine Ewigkeit.
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Obere Atmosphäre, nördlich des Raketenfelds von Kartaly 11. Juni, 0533 Uhr GMT (0533 Uhr Ortszeit)
Die 220 190 Kilogramm schwere russische SS-18 Modell 4 ** näherte sich dem Ende der Startphase. Mittlerweile befand sie sich in einer Höhe von fast hundert Kilometern über der Erde und fast ebenso weit nördlich ihres Silos. Mit einer Länge von 36,5 Metern und einem Durchmesser von drei Metern kam ihr keine andere Rakete dieser Welt an Sprengkraft gleich. Wenn die letzte Stufe abgeschaltet wurde, würde die Rakete nach dem Trägheitsprinzip auf der energieeffizientesten Flugbahn hoch über die Poleiskappe zu ihrem Ziel direkt östlich von Los Angeles weiterfliegen. Ihre maximale Reichweite von 11 000 Kilometern war damit bei weitem noch nicht ausgeschöpft.
Direkt hinter den Gefechtsköpfen maß der Akzelerometer des Trägheitsnavigationssystems ständig die Beschleunigung des Flugkörpers und rechnete diese in Schätzwerte für zurückgelegte Entfernung und Geschwindigkeit um. Der Bordcomputer übernahm die Schätzungen des Akzelerometers und wartete auf den Moment, in dem Position und Impuls der Rakete die Abschaltung der letzten Stufe erlaubten. Die Berechnungen wurden ständig Position und Geschwindigkeit der Rakete angepasst, doch für den Computer war das ein Kinderspiel. Akzelerometer und Starttriebwerk waren die Schlüsselelemente.
Wenn auch nur eine einzige Staubflocke die Messungen des in Reinraum-Atmosphäre montierten Akzelerometers durcheinander brachte, konnte es zu Abweichungen von hunderten Metern vom vorgesehenen Ziel kommen. Der mit Festtreibstoff betriebene Booster, dessen Vorteil seine schnelle Einsatzfähigkeit war, ließ sich am Ende der Startphase längst nicht so einfach abschalten wie bei den älteren Raketen, die flüssigen Treibstoff verwendeten. Wenn die Brennphase nur eine Tausendstelsekunde zu lang oder zu kurz war, würden die Gefechtsköpfe sechshundert Meter neben dem Ziel einschlagen. Bei gepanzerten Raketensilos und Abschusszentren ein kritischer Wert. Diesmal war das Ziel je doch die March Air Force Base, die relativ ungeschützt und wesentlich größer war. Kleinere Fehler würden sich daher weniger auswirken.
Jede Komponente bekam nur eine Chance. Wenn die Schätzungen des Akzelerometers dazu führten, dass der Booster abgeschaltet wurde, flog die Rakete wie ein Geschoss nach dem Trägheitsprinzip auf einem lang gestreckten Bogen weiter. Der Booster konnte nicht wieder gestartet werden.
Die Abschaltung erfolgte acht Minuten und dreizehn Sekunden nach Beginn der Antriebsphase. Kurz nachdem das Feuer in den Raketentriebwerken erloschen war, koppelte sich der Gefechtskopf vom Starttriebwerk ab und der lange, schweigende Ritt durch das All begann. Durch tausende Meter voneinander getrennt, rasten auch die übrigen Gefechtsköpfe durch die Dunkelheit auf ihre Ziele zu. Ihre Ladung bestand aus hundertzwanzig Atombomben, von denen jede vierzehnmal mehr Zerstörungskraft besaß als die Bomben von Hiroshima und Nagasaki zusammen. Als sie die weiße Weite von Nowaja Semlja im Norden Russlands passierten, kamen zehn weitere Raketen hinzu/die allesamt lautlos in Richtung Vereinigte Staaten rasten.
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Obere Atmosphäre, über Mittelkalifornien 11. Juni, 0549 Uhr GMT (0549 Uhr Ortszeit)
Das aus einer Höhe von neunhundertsechsundsiebzig Kilometern fallende Post Boost Vehicle gewann rasch an Geschwindigkeit. Unmittelbar bevor die äußersten Atmosphäreschichten an ihm zu zerren begannen, erreichte es seine Höchstgeschwindigkeit von 19.456 Stundenkilometern.
Das Trägheitsnavigationssystem tat sein Bestes, um die tatsächliche Position des PBV im Raum zu bestimmen. Im Lauf der vergangenen Jahrzehnte hatten russische Satelliten hochkomplexe geophysikalische Messungen vorgenommen, um den Instrumenten der SS-18 präzise Informationen sowohl über ihren eigenen Abschusssilo als auch über das Ziel, den amerikanischen Air Force-Stützpunkt, zu vermitteln. Das komplexe mathematische Modell des Gravitationsfeldes der Erde war über die Jahre von wissenschaftlichen Teams immer weiter verfeinert und in den Computer vorne im PBV einprogrammiert worden. Auf Jahrzehnte im Voraus hatte man die exakten Positionen von Mond und Sonne berechnet, damit bei einem Abschuss zu einem beliebigen Zeitpunkt innerhalb dieser Jahrzehnte ihr ständig wechselnder Einfluss auf die Schwerkraft berücksichtigt werden konnte.
Allerdings gab es keine praktischen Erfahrungen mit Flügen über den Nordpol, da Tests auf dieser Route unmöglich waren. Daher hatte auch niemand berücksichtigt, dass sich das Gravitationsfeld über dem Nordpol leicht von der in Ost-West-Richtung verlaufenden Teststrecke zwischen Kasachstan und Sibirien unterschied. Ein riesiger Hügel aus dichtem, geschmolzenem Nickel tief unter dem unter der Polareiskappe verborgenem Meeresgrund verursachte eine Anomalie im Gravitationsfeld, die das PBV leicht nach unten ablenkte. Wie bei vielen anderen Raketen des Geschwaders, die den Nickelhügel überflogen, wurde die Flugbahn dadurch zu niedrig.
Ein Motor vorne im PBV schleuderte die kegelförmige Spitze zur Seite, so dass zehn Gefechtsköpfe mit einem Gesamtgewicht von vier Tonnen sichtbar wurden. Genau zum vorgesehenen Zeitpunkt wurde der erste Gefechtskopf abgeworfen. Gleichzeitig zündete vorübergehend der speicherbare hypergolische Flüssigtreibstoff in der vierten Raketenstufe hinten am PBV. Nachdem der zweite Gefechtskopf freigesetzt worden war, drehte sich die Rakete um ihre Achse und zündete erneut. Dadurch änderten sich Richtung und Moment so weit, dass der dritte Gefechtskopf tausendzweihundert Meter vom zweiten entfernt aufschlagen musste. Das Ballett in der dünnen oberen Atmosphäre setzte sich noch einige Sekunden lang fort, bis der letzte der pechschwarzen Kegel mit den nadelscharfen Spitzen frei flog.
Wie eine Mutter, die ihre Jungen schützt, begann das PBV mit Tarnmaßnahmen, um die zehn Gefechtsköpfe vor der geplanten, aber nie realisierten Raketenabwehr der Amerikaner zu schützen. Störstrahlen wurden ausgesandt und verstärkt, um die nicht existierenden Radaranlagen zu verwirren. Ein leistungsfähiger elektronischer Jammer wurde aktiviert, der das elektromagnetische Spektrum mit Lärm überlagerte, um nicht vorhandene ferngesteuerte Abfangflugkörper abzulenken. Aus Kanistern zu beiden Seiten des Rumpfes traten ganze Wolken winziger Streifen aus metallisierter Glasfaser aus, die imaginäre Abwehrraketen ablenken sollten.
In der sich verdichtenden Atmosphäre erhitzte sich die Oberfläche des nicht aerodynamisch gestalteten PBV durch die Luftreibung immer weiter. Die durch das Labyrinth von Befestigungen und Drähten strömende Luft riss an dem Flugkörper, bis er wie in Zeitlupe nach links gierte. In ungeschützten Bereichen wurden die Kabel abgerissen. Der Computer erhitzte sich über die vorgesehene Betriebstemperatur, was zu immer neuen Fehlfunktionen führte. Er begann, automatisch immer wieder neu zu starten - ein letzter Versuch, einen normalen Betrieb aufrechtzuerhalten. Sobald sie ihren spezifischen Brennpunkt erreicht hatten, flammten die nichtmetallischen Oberflächen am PBV eine nach der anderen auf und verglühten. Das Metall begann ebenfalls zu glühen.
Aus dem Gieren wurde ein Taumeln, die Temperatur stieg immer weiter an. Der Rumpf begann zu schmelzen, bis das flüssige Metall wie ein feiner weißer Sprühregen davonflog. Durch die Taumelbewegung beschleunigte sich der Prozess, weil sich immer neue Partien des brennenden PBV plötzlich an der Spitze befanden, wo sie sich schlagartig erhitzten und schmolzen. Noch bevor das Wrack eine komplette Umdrehung hinter sich hatte, war es in drei Teile zerbrochen, die wiederum in immer kleinere Trümmer zerfielen. Wie ein Kometenschweif hängte sich der Sprühregen aus Flüssigkeiten und Gasen, in den sich die Metallbauteile aufgelöst hatten, an die größeren Wrackteile. Einige Minuten später schlugen die Überreste des PBV, die inzwischen nur noch die Größe einer Murmel besaßen, in den Hügeln Mittelkaliforniens auf und gruben sich mehrere Meter in den trockenen Boden hinein.
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NORAD, Cheyenne, Colorado
11. Juni, 0555 Uhr GMT (2255 Uhr Ortszeit)
Der gepanzerte Penetrator des ersten Gefechtskopfs schlug in die lose Erde am Fuß des Cheyenne ein. Mit einer Geschwindigkeit von 27 200 Stundenkilometern grub er sich fast hundert Meter tief ein, bis ihn der Gefechtskopf, den er im Schlepptau hatte, einholte und detonierte.
Die Druckwelle des Fünfundzwanzig-Megatonnen-Gefechtskopfs schleuderte den gesamten NORAD-Komplex einen Meter weit zur Seite. Wer von den tausendsiebenhundert amerikanischen und kanadischen Air Force-Soldaten gestanden hatte, stürzte zu Boden. Viele brachen sich dabei die Fußknöchel oder zogen sich Schnitte und Prellungen zu. Ein Mann starb und drei wurden schwer verletzt, als sie mit Kopf oder Hals gegen scharfe Tischkanten oder Geländer schlugen. Die Vibrationen, die die auf dem Metallboden liegenden Menschen durchschüttelten, lösten heftige Übelkeit aus. Das mächtige Grollen des vernichtenden, von Menschenhand ausgelösten Erdbebens übertönte den Lärm der berstenden Glasteile und der Metallverkleidungen, die von den verbogenen Konsolen abgesprengt wurden. So blieb es General Wilsön, der sich unter seinem umgestürzten Stuhl hervorarbeitete, erspart, seine Männer und Frauen schreien zu hören.
Sechs Sekunden nach der ersten Detonation folgten der zweite Penetrator und Gefechtskopf. Wegen des enormen, durch die erste Explosion ausgelösten Auftriebs verfehlten beide die Spitze des Granitberges und gerieten ins Taumeln. Die ungewöhnliche Belastung des Sicherungssystems führte zu einem Abbruch. Der Gefechtskopf rutschte seitlich am Berg hinunter, bis er an einem Vorsprung hängen blieb und sein giftiges, nukleares Material über den Abhang unter sich spie.
Drei Sekunden später gruben sich der dritte Penetrator und Gefechtskopf direkt in die Seite des Berges. Durch seine ungeheure Geschwindigkeit schmolz der Penetrator den Granit und jagte zwanzig Meter tief in den Berg, bevor der Gefechtskopf explodierte.
Die Schockwellen rissen die Gebäude des unterirdischen Komplexes vollständig von den Federn, auf denen sie ruhten. Tragende Teile wurden zerstört. Hunderte der rissigen Metallbolzen in der Höhlendecke wurden in zwei Teile gerissen. Eine vierhundert Tonnen schwere Granitplatte löste sich von der Decke der Kammer und begrub eines der Gebäude ganz unter sich, ein zweites wurde teilweise zerstört. Die Notbeleuchtung fiel aus. Hunderte Menschen starben in der Dunkelheit, die nur durch die explodierenden Funken der sich unkontrolliert entladenden elektrischen Leitungen erhellt wurde. Die hohe Frequenz, mit der die Atmosphäre in der Kammer vibrierte, wurde vom menschlichen Ohr wie ein unerträgliches Kreischen wahrgenommen. Unwillkürlich bedeckte Wilson die schmerzenden Ohren mit den Händen.
Nach einer Pause von nur vier Sekunden traf auch das vierte Gespann aus Penetrator und Gefechtskopf mit voller Wucht auf den Cheyenne. Durch die Hitze der Detonation verdampfte ein Hohlraum im Inneren des Berges, der sich hinter den explosionssicheren Türen auf den Eingangstunnel zum Komplex öffnete. Die sich ausdehnenden Gase des verdampften Granits schössen durch diesen Kanal in die Hauptkammer des Komplexes. Durch die Welle extrem heißer Gase entstand eine Druckwand, die mit fünffacher Schallgeschwindigkeit durch die Kammer raste und alles auf ihrem Weg mit einer bis dahin ungekannten Gewalt augenblicklich vernichtete. In wenigen Augenblicken hatte der Druck im Inneren der Kammer fast siebzigtausend Atmosphären erreicht, unvergleichlich viel mehr als die zwei Atmosphären, die der menschliche Körper ertragen kann. Das bedeutete die sofortige Auslöschung jeglichen Lebens im gesamten Komplex - Säugetiere und Bakterien wurden gleichermaßen verbrannt und zermalmt.
Erst nachdem die Druckwelle des nuklearen Feuers, das immer noch tief im Inneren des Granitberges brannte, jede Öffnung und Nische der Hauptkammer erreicht hatte, wandte sich ihre Kraft gegen die beiden explosionssicheren Haupttore am Eingang des Tunnels. Eines nach dem anderen wurde aus der Verankerung gerissen und auf einem zehntausend Grad heißen Gasstrom aus dem Tunnel in die Hölle draußen geschleudert. Die sechzig Tonnen schweren Tore überschlugen sich mehrfach und landeten schließlich mit einem gewaltigen Krachen mehrere hundert Meter weiter unten am Berg. Als sie zum Stillstand kamen, schlug der erste der vier verbleibenden Gefechtsköpfe ein, deren Einsatz inzwischen allerdings sinnlos geworden war. Von der zerklüfteten Felsspitze, die einst der Cheyenne gewesen war, war nicht mehr viel übrig."
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