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Vor einigen Wochen wurden "Ergänzende Hinweise zu den Richtlinien zum Traditionsverständnis und zur Traditionspflege der Bundeswehr" erlassen. Es geht dabei u.a. um die Frage der Kriegstüchtigkeit und die Rolle militärischer Vorbilder dabei.
Diskussion dazu bei "Augen geradeaus!"
Vielleicht sollte man doch über eine Neuauflage des hervorragenden Ausbildungshandbuches "Kriegsnah ausbilden" nachdenken, das von irgendwann nach der Wiedervereinigung als "bäh" und "böse" und "Die reden da ja vom Krieg!" eingstampft wurde.
Vielleicht sollte man doch über eine Neuauflage des hervorragenden Ausbildungshandbuches "Kriegsnah ausbilden" nachdenken, das von irgendwann nach der Wiedervereinigung als "bäh" und "böse" und "Die reden da ja vom Krieg!" eingstampft wurde.
Gibt es doch, heißt jetzt "Gefechtsnah ausbilden", davor gab es mal "Einsatznah ausbilden". Die Kritik da war in meiner Erinnerung aber eher, dass unkritisch Landsergeschichten von Carell übernommen wurden.
Zuletzt geändert von tannenzapfen; 13.08.2024, 12:20.
Die Kritik da war in meiner Erinnerung aber eher, dass unkritisch Landsergeschichten von Carell übernommen wurden.
Du hast "Kriegsnah ausbilden" oder "Einsatznah ausbilden" gelesen oder noch besser als Ausbilder selbst in der Ausbildung umgesetzt? Wir waren als Zugführer beim Erscheinen der ersten Ausgabe 1985 begeistert von diesem Buch. Endlich einmal wurden die über zahllose Vorschriften verstreuten Grundlagen des Gefechtsdienste in für die tägliche Ausbildung nutzbare Handlungsanweisungen umgesetzt. Das hatte die Bundeswehr seit 1956 nicht geschafft, die ZDv 3/11 - Gefechtsdienst - und die vielen anderen hier einschlägigen Vorschriften boten keine Beispiele für die Ausbildungsgestaltung und gaben keine Erfahrungen weiter. Die Schweizer waren da mit der Reihe "Gefechtstechnik" des SUOV oder die Österreicher mit einzelnen Bänden der Truppendienst-Taschenbuch viel weiter. Sehr viele Ausbilder bei der Bundeswehr haben sich vor dem Erscheinen von "Kriegsnah ausbilden" diese beiden Buchreihen besorgt und davon profitiert.
Carell ist mit nur zwei Büchern unter den 135 Titeln im Literaturverzeichnis genannt. Im Text ist er genau dreimal erwähnt und zwar nicht mit irgendwelchen "Landsergeschichten", sondern mit
- einem Beispiel zur Tarnung und zum Spurenverwischen (S. 88)
- der Problematik tagelanger Sicherungseinsätze (S. 136)
- den Schwierigkeiten, die bei schnell umschlagender Witterung eintreten (S. 190)
Dabei werden - wie auch in den nicht auf Carell basierenden Beispielen - nicht unkritisch Landsergeschichten übernommen, sondern kurze Textausschnitte aus den Quellen zitiert, diese dann ausgewertet und in die bei der (damaligen) Bundeswehr zu erwartende Gefechtssituation umgesetzt und es werden Folgerungen und Anregungen für die Ausbildung gegeben.
Gelesen, ja. Ich sage ja gar nicht, dass das Buch schlecht oder nicht nützlich ist. Ich kann aber verstehen, dass man keine Beispiele von Carell mehr will (Du hattest ihn ja mal ganz treffend beschrieben). Naheliegend wäre dann halt gewesen, eine Neuauflage zu bringen und diese Stellen zu entfernen bzw. zu ersetzen- zumal man ja beim ZMSBw sehr kompetente Militärhistoriker hat, die mithelfen können. Aber ich glaube, dass dies jetzt eben mit "Gefechtsnah ausbilden" geschehen ist.
Man sollte eine heilige Kongregation (früher Inquisition) einrichten. Bei der Abteilung kann man in der Kirche auch Papst werden. Wenn man nur die Leute des 20. Juli als zweifelsfreie traditionsschaffende Vorbilder zulässt, ist das auch nicht unproblematisch. In dem Vorläuferfaden beim Wiegold wurden ja auch die Teilnehmer an dem Karfreitagsgefecht abgelehnt, weil wir da ein korruptes Regime unterstützt haben. Leute mit Wehrmachtsvergangenheit, die die Bundeswehr mit aufgebaut haben sollten doch zumindest teilweise rehabilitiert sein.
Leute mit Wehrmachtsvergangenheit, die die Bundeswehr mit aufgebaut haben sollten doch zumindest teilweise rehabilitiert sein.
Deswegen war ja in den jetzt wieder aufgehobenen "Ergänzenden Hinweisen" eine Liste mit eben solchen Leuten enthalten, z.B. beim Heer Karst, Röttiger, Pöschl, Senger und Etterlin.
Also wenn der jüngere Senger und Etterlin (der war auf der Liste aufgeführt, nicht sein Vater) nicht traditionswürdig sein soll, kann man es auch gleich lassen. Der war bei Kriegsende ein einunzwanzigjähriger Rittmeister und hat danach 27 Jahre in der Bundeswehr gedient...
Ich könnte mir vorstellen, dass die Diskussion beim Wiegold da eine Rolle gespielt hat. Da gab es einige, die meinen, dass Teilnehmer des zweiten Weltkrieges überhaupt nicht Traditionsstiftend sein können, es sei denn sie haben im Wiederstand gewirkt. Jemand hatte als Gegenargument angeführt, dass die USA ja auch den Sklavenhalter Washington als Namensgeber verwenden.
Ich stand vor einigen Jahren mal mit amerikanischen Verwandten auf der Siegessäule. Die wussten dann auch über die Denkmäler am Kreis gut bescheid (Moltke, Roon, Bismarck). Ich hatte keine Ahnung wessen Denkmäler da stehen. Bei Moltke und Roon musste ich sehr nachdenken. Die hatten da eine bessere Geschichtsbildung wie ich. Fand ich peinlich. Ein Wunder, dass die Siegessäule noch steht. Wir bereinigen unsere Geschichte mit den Denkmälern.
Engländer und Franzosen haben da weniger Hemmungen.
Jemand hatte als Gegenargument angeführt, dass die USA ja auch den Sklavenhalter Washington als Namensgeber verwenden.
Wobei diese Aussage natürlich nicht ganz so stimmt (es gibt etwa seit 1946 kein militärisch genutztes Fort Washington mehr), aber durchaus andere Gründe hat. Für Marineschiffe wird der Name gleichgestellt mit anderen Präsidentennamen durchaus genutzt, allerdings doch vergleichsweise selten. Die Tatsache, dass George Washington Sklaven hielt - und zwar zu hunderten - ist dabei in den USA auch etwas, das durchaus diskutiert wird und vor allem von Rechten gerne unter den Teppich gekehrt oder aufgrund mangelnder Geschichtsbildung gleich ganz abgestritten wird - recht aktuell bspw. erst letzten Monat von Trump.
Als ich diese Ergänzungen las, dachte ich mir schon: Wenn das nicht wieder zumindest eine Debatte gibt über die dort genannten Namen.
Hatte mein Bauchgefühl doch wieder "Recht".
Wäre mal interessant zu wissen, ob hier nicht auch vielleicht wieder persönliche Standpunkte eine Rolle spielen: Die Ergänzungen hatte General Kai Ronald Rohrschneider unterzeichnet, in seiner (noch) Funktion als "Abteilungsleiter Einsatzbereitschaft und Unterstützung Streitkräfte" . Er soll aber auf den Posten als Kommandeur des JSEC der Nato in Ulm wechseln.
Wobei er das ja eigentlich nur werden kann, wenn ihn GI Breuer "leiden" kann.
Ich verfolge das schon eine längere Zeit lang mit, nicht zuletzt angeregt durch ein sehr persönliches Gespräch mit Stauffenbergs Enkelin Sophie von Berchtolsheim bei der Buchvorstellung ihres Buches "Mein Großvater war kein Attentäter":
Unter den Historikern hat sich in den letzten Jahren eine sehr lebhafte Diskussion entwickelt, wie denn nun der Widerstand um Stauffenberg einzuordnen sei - es gibt hier durchaus konträre Meinungen. Wobei ich persönlich der Meinung bin, dass Stauffenberg sicherlich kein Demokrat in unserem heutigen Sinne war, aber er hat ja klar gesagt, dass nach einem erfolgreichen Attentat zunächst eine Übergangsphase hin zu einer anderen Politik gestaltet werden muss. Auch der europäische Gedanke war unter seinen Kameraden schon in Ansätzen erkennbar.
Auch 75 Jahre nach dem Hitler-Attentat gilt Claus Schenk Graf von Stauffenberg vielen als die Symbolfigur des deutschen Widerstandes. In einer Veranstaltung in Berlin wurde die Rolle des Attentäters aber erneut hinterfragt: Ist er zu lange der NS-Ideologie gefolgt? Wie stark war sein politischer Gestaltungswille?
Wie das Stauffenberg-Attentat zum Mythos und als solcher politisch instrumentalisiert wurde, beleuchtet die Hamburger Journalistin Ruth Hoffmann in ihrem Buch "Das deutsche Alibi".
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