Die Grenzen von Befehl und Gehorsam

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  • Nemere
    Cold Warrior
    • 12.06.2008
    • 2880

    #1

    Die Grenzen von Befehl und Gehorsam

    In einer Schrift des Traditionsvereins RakArtBtl 150 habe ich eine schöne Geschichte gefunden, die ich dem Kollegium hier nicht vorenthalten möchte. Es geht um einen Bag-Wan-Jünger, der als Wehrpflichtiger zu einer Ausbildungskompanie in Wesel eingezogen wurde und dort jeden Befehl verweigerte. Zur Erinnerung: Bag-Wan war in den späten 1970er / frühen 1980er Jahren eine asiatische Sekte, deren Anhänger wallende gelbe Gewänder trugen und als Bettelmönche die Innenstädte verunstalteten.
    Ich stelle den Bericht mal kommentarlos ein, er zeigt sehr schön, wie schnell man als Vorgesetzter in solchen Fällen an die rechtlichen Grenzen seiner Handlungsmöglichkeiten beim Durchsetzen von Befehlen kommen konnte.

    Grüße
    Jörg
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  • uraken
    Cold Warrior
    • 27.09.2008
    • 865

    #2
    Eine heiße Story. Die anderen Wehrpflichtigen hatten sicher viel zu lachen ....

    Kommentar

    • DeltaEcho80
      Cold Warrior
      • 09.03.2013
      • 1725

      #3
      Aber: Ama, der Andere, hats durchgezogen ;-)

      Das erinnert mich an einen ähnlichen Fall, ebenfalls mit einem Rekruten in unserer AGA-Kompanie auf meiner Stube: Der gute Mann war sportlich und fit, hatte aber so gar keinen Sinn für militärische Belange oder seinen Wehrdienst. Irgendwie hatte er lt. eigener Aussage "vergessen", rechtzeitig seinen Verweigerungsantrag zu stellen, so dass er "einrücken" musste. Dann hat er sich das ganze einige Tage angeschaut und die Uffze mit solchen Fragen wie: "Wann ist denn morgen früh Veranstaltungsbeginn?" traktiert. So mancher Uffz ist da natürlich völlig ausgeflippt und hat ihn angebrüllt: "Wenn, dann heißt das DIENSTbeginn und dieser ist für sie morgen um 0600".

      Irgendwann einmal hat er dann knallhart angefangen, jede Nacht gegen 3.30 Uhr aufzustehen, in eines der unteren Stockbetten der anderen Kameraden auf Stube zu urinieren und sich wieder hinzulegen. Ich lag zum Glück "oben". Mit seiner gespielten Naivität hat er dann behauptet, dass es sich um eine psychologische Sache handelt und er das nicht im Griff hat.
      Er wurde dann zu einem Facharzt gebracht und einige Tage später wurde er dann entlassen.

      Kommentar

      • Malefiz
        Cold Warrior
        • 22.12.2010
        • 384

        #4
        Bei uns gab es 1979 einen Totalverweigerer, der sich weigerte die Waffe anzufassen. Der war nebenbei Niedersächsischer Landesmeister über 400 m. Er hat die 5000 m in 17 min gelaufen. Er war als Kriegsdienstverweigerer nicht anerkannt. Das Elend ging, soweit ich mich erinnere, über 9 Monate. Dabei wurde seine Konsequenz vor allen Dienstgradgruppen geachtet. Ich glaube er war nur sehr wenige Wochenenden nicht in der Kaserne. Er wurde dann irgendwann anerkannt.

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        • DeltaEcho80
          Cold Warrior
          • 09.03.2013
          • 1725

          #5
          Wie Nemere schon schreibt, hier kamen dann die Vorgesetzten an ihre Grenzen, da solche Fälle ja nirgendwo "normiert" waren bzw. der Umgang damit.

          Und so mancher altgedienter Dienstgrad war schlicht überfordert, da es nicht ins fest eingeschleifte Weltbild passen wollte.

          Kommentar

          • kato
            Cold Warrior
            • 03.03.2009
            • 888

            #6
            Zitat von Malefiz Beitrag anzeigen
            Bei uns gab es 1979 einen Totalverweigerer, der sich weigerte die Waffe anzufassen. Der war nebenbei Niedersächsischer Landesmeister über 400 m. Er hat die 5000 m in 17 min gelaufen. Er war als Kriegsdienstverweigerer nicht anerkannt. Das Elend ging, soweit ich mich erinnere, über 9 Monate. Dabei wurde seine Konsequenz vor allen Dienstgradgruppen geachtet. Ich glaube er war nur sehr wenige Wochenenden nicht in der Kaserne. Er wurde dann irgendwann anerkannt.
            Wir hatten einen Soldaten, der nach 5 Wochen Grundausbildung entschied einen KDV-Antrag zu stellen, und prinzipiell auch eine Zivildienststelle ab dem nächsten 1ten vorbehaltlich Anerkennung hatte. Da der gute Mann bereits diente und auch zuvor bereits mit Waffen Umgang hatte konnte sein Antrag natürlich nicht wie zu der Zeit beginnend üblich einfach nach Aktenlage entschieden werden und auch nicht zwangsläufig von einer Anerkennung ausgegangen werden. Mit angesetzter Anhörung konnte es auch durchaus etwas dauern bis man ihn "los wurde". Sein Antrag beinhaltete übrigens auch eine ca 12-seitige (!) schriftliche Begründung.

            Die Frage war daraufhin - was macht man mit dem Mann? Einfach in Urlaub schicken war nicht, einfach weitermachen - mit Waffe - hätte eine Befehlsverweigerung provoziert, Erleichterungen im Dienstbetrieb oder ihn einfach auf Stube lassen hätten womöglich ein Beispiel für andere Kameraden abgegeben. Zumal wir da eh eine recht seltsame Zusammenstellung hatten mit Leuten bei denen man sich wirklich fragte was die bei der Bundeswehr machen - nicht nur prospektive KDVler oder einen Hansel dessen regelmäßige Befehlsverweigerungen ihm Arrest und Geldstrafen einbrachten, sondern auch z.B. einen beim THW ausgebildeten Sturmbootführer, der anscheinend lieber seinen Wehrdienst ableistete statt sich für 6-7 Jahre Wochenenddienst dort zu verpflichten.

            Die Lösung war daraufhin aus dem Fundus dem Mann "Ersatzmaterial" zuzuweisen - in Form einer Sanitasche, die er dann im restlichen Ausbildungsbetrieb immer zu tragen hatte wenn die Gruppe mit Waffen aufrödelte und an der er gefälligst Pflege- und Putzarbeiten sowie Vollzähligkeitskontrolle durchzuführen und sich mit dem darin enthaltenen Material vertraut zu machen hatte wenn nebendran die Gruppe dasselbe mit ihren G3 machte. Da eh dann gerade u.a. Ausbildungsabschnitte zur Selbst- und Kameradenhilfe auf dem Dienstplan standen konnte er in diese auch voll integriert werden. Lediglich an Schießbahntagen nahm er - befohlen - nicht teil, für die paar Stunden wurden ihm dann andere Aufgaben zugeteilt. Effektiv wurde er dann nach ca zwei Wochen solchen Dienstes direkt von der Anhörung in die ihm zustehenden zwei Tage Freizeitausgleich, dann die Auskleidung geschleust und trat dann nach Entlassung an einem Freitag unmittelbar seinen Zivildienst am nächsten Montag an.

            Kommentar

            • DeltaEcho80
              Cold Warrior
              • 09.03.2013
              • 1725

              #7
              Zitat von kato Beitrag anzeigen

              Die Lösung war daraufhin aus dem Fundus dem Mann "Ersatzmaterial" zuzuweisen - in Form einer Sanitasche, die er dann im restlichen Ausbildungsbetrieb immer zu tragen hatte wenn die Gruppe mit Waffen aufrödelte und an der er gefälligst Pflege- und Putzarbeiten sowie Vollzähligkeitskontrolle durchzuführen und sich mit dem darin enthaltenen Material vertraut zu machen hatte wenn nebendran die Gruppe dasselbe mit ihren G3 machte. Da eh dann gerade u.a. Ausbildungsabschnitte zur Selbst- und Kameradenhilfe auf dem Dienstplan standen konnte er in diese auch voll integriert werden. Lediglich an Schießbahntagen nahm er - befohlen - nicht teil, für die paar Stunden wurden ihm dann andere Aufgaben zugeteilt. Effektiv wurde er dann nach ca zwei Wochen solchen Dienstes direkt von der Anhörung in die ihm zustehenden zwei Tage Freizeitausgleich, dann die Auskleidung geschleust und trat dann nach Entlassung an einem Freitag unmittelbar seinen Zivildienst am nächsten Montag an.
              Respekt, dass man in diesem konkreten Fall so eine für beide Seiten einigermaßen "anständige" Lösung gefunden hatte. Da hat man kreativ nach Lösungen gesucht.

              Diese, meine Grundausbildung insgesamt in der 2./352 werde ich auch nicht vergessen. Die Dienstgrade waren besondere "Pflegefälle", vom Chef angefangen bis zum jüngsten Uffz. Ein wenig Ausnahme war noch der 1. Zug, der damals ja noch die gesamten OAs der PzGrenTrp zum 01.07.1999 aufnahm. Als dann im Verlauf der AGA von diesen ca. 50 OAs fast 30 ihre SaZ-Anträge zurückzogen, war Polen offen. Dies führte soweit, dass der Bataillonskommandeur eine Kommandeursrunde mit den OAs ansetzte, zu der unser Zug sogar vom Übungsplatz rein geholt wurde, Körperpflege und Umziehen in den DA innerhalb von 45 Minuten befohlen wurde und dann Antreten beim Kommandeur (also für die OAs, den Zugführer und den Chef). Als die OAs dann mehr oder weniger offen von der Seele redeten, dass man sich eine Karriere in einer Bundeswehr, die so geführt wurde, wie diese Kompanie, nicht vorstellen kann, ist der Kommandeur fast ausgeflippt. Ob es Konsequenzen gab, habe ich als GWDL nicht mitbekommen, aber viele OAs blieben nicht übrig. Einer derjenigen, dies es allerdings durchgezogen hatten, ist heute Kommandeur bei 112 in Regen.

              Da ich nicht weiß, ob hier jemand mitliest, kann ich nicht auf das allerletzte Detail eingehen, aber hier ein kleines Beispiel: Der Kompanietruppführer war ein Hauptfeldwebel, der sich der Kompanie wirklich so vorstellte: "Soldaten, mein Name ist Seuffert mit "Doppel-Foxtrott" in der Mitte, Vorname Hauptfeld... ähhhhh, Bxxx". Mal ganz davon abgesehen, dass wir als Rekruten am zweiten Tag nicht mal wussten, was er mit "Foxtrott" meint.

              Einige Jahre später habe ich durch Zufall wieder Kontakt zu meinem Zugführer aus der AGA bekommen. Er hat mir dann erzählt, dass der Kompaniechef nach der SGA sogar im Dienstgrad zurück gesetzt wurde wegen eines Vergehens. Er selbst (der Zugführer) hatte die Nase so voll, dass er sich nach nur 3 Monaten nach Hammelburg hat versetzen lassen. Der Spieß wurde ebenfalls zur Luftwaffe weit weg strafversetzt. Also, muss was vorgefallen sein.

              Als ich dann wieder einige Zeit später den damaligen KpTrpFhr als Oberstabsfeldwebel an der InfS in Hammelburg gesehen habe, habe ich mir nur gedacht: Das darf nicht wahr sein...
              Und der damalige Chef hat es dann auch noch zum Major der Reserve gebracht.
              Zuletzt geändert von DeltaEcho80; 05.08.2021, 15:11.

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              • Nemere
                Cold Warrior
                • 12.06.2008
                • 2880

                #8
                Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                Die Dienstgrade waren besondere "Pflegefälle", vom Chef angefangen bis zum jüngsten Uffz. Ein wenig Ausnahme war noch der 1. Zug, der damals ja noch die gesamten OAs der PzGrenTrp zum 01.07.1999 aufnahm.
                Mir stellt sich hier die Frage: Kannte der Kommandeur seine ihm unterstellten KpChefs und deren Zugführer nicht? Oder warum war er von auftretenden Problemen dann so überrascht? Es wäre hier sicher auch zu prüfen gewesen, wie die Dienstaufsicht bei der 2./352 gehandhabt wurde. Erfahrungsgemäß tauchen solche massiven Schwierigkeiten doch nicht aus dem Nichts auf.
                Es mag ja sein, dass es Sachzwänge gab, so dass unbedingt die 2./352 als Grundausbildungseinheit verwendet werden musste. Um so wichtiger wäre es gewesen, dass der Kommandeur von Anfang an ein Auge darauf gehabt hätte.
                In jedem Bataillon gibt es problematische Offiziere und Unteroffiziere. Man sollte es aber unter allen Umständen vermeiden, alle Chaoten zusammen in eine Kompanie zu packen. Ein guter Kompaniefeldwebel kann z.B. im Friedensdienst viele Fehler eines unfähigen KpChefs auffangen.
                Auch sollte man solche minderbegabten Vorgesetzten nach Möglichkeit nicht mit fordernden Sonderaufträgen, wie die Ausbildung der Offizieranwärter, überlasten. Man tut sich als Vorgesetzter damit keinen Gefallen, sondern lädt sich im Regelfall nur zusätzliche Arbeit auf.

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                • Nemere
                  Cold Warrior
                  • 12.06.2008
                  • 2880

                  #9
                  Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                  Respekt, dass man in diesem konkreten Fall so eine für beide Seiten einigermaßen "anständige" Lösung gefunden hatte. Da hat man kreativ nach Lösungen gesucht.
                  Es kam halt immer darauf an, wie buchstabengetreu ein Kompaniechef seine Aufgaben nahm. Mein Kompaniechef in Veitshöchheim war 50 Jahre alt, wusste genau, dass er aufgrund seiner doch recht originellen Persönlichkeit keine große Karriere mehr machen würde. Ihm kam es nur darauf, seine restlichen Jährchen ohne viel Arbeitsaufwand noch im Raum Würzburg zu verbleiben, seine Weinberge in Volkach zu betreiben und in absehbarer Zeit als Oberstleutnant in Pension zu gehen.
                  Wir hatten einen Geschäftszimmersoldaten, einen sehr netten und höflichen Soldaten, der irgendwann verkündete, er könne niemals auf Menschen schießen. Der klassische Weg wäre hier auch KDV-Antrag und damit der Verlust des einzigen Geschäftszimmergefreiten gewesen. Der KpChef handelte dann mit ihm einen Deal dahingehend aus, das der Soldat weiterhin seinen Dienst erfüllt, aber nicht mehr mit zum Schießen geht. Dem KpFw ging dieser Kuhhandel zwar ziemlich gegen sein militärisches Selbstverständnis, er hat es dann aber hingenommen, weil er sonst alleine im Geschäftszimmer gewesen wäre. Es klappte auch wunderbar, wobei ungeplant aber die Schußfestigkeit dieses Gefreiten noch unter Beweis gestellt wurde.
                  Er verbrannte Papierabfälle hinter dem Kompanieblock in einer Tonne. Auf einmal tat es einen Knall, eine Rauch- und Rußwolke stieg auf und der Geschäftszimmergefreite erschien mit geschwärztem Gesicht und leicht versengtem Haupthaar im Kompanieblock. Ein nicht mehr feststellbarer Übeltäter hatte eine anscheinend doch nicht ganz geleerte Spraydose in den Papiermüll geworfen, die sich dann explosionsartig entlud.

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                  • tdm
                    Rekrut
                    • 16.04.2011
                    • 11

                    #10
                    Ich habe mir das als GWDL 1991 auf der Schiessbahn auch nur 2 oder 3 mal angesehen und fand das rumgefuchtel mit der scharfen Waffe und das unkontrollierte schießen auf die falschen Scheiben einfach nur gefährlich. Bin dann zum Hauptmann; der konnte nichts tun, hat aber an den Sani verwiesen. Und der hat mir dann eine Befreiung vom Umgang mit scharfer Munition geschrieben ().
                    In der Grundausbildung durfte ich dann bei Märschen immer das Maschinengewehr tragen, aber ansonsten war es ok. Irgendwie waren meine Einheiten auch nie zur Wache eingeteilt (Luftwaffe).

                    VG Sebastian

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