Papierkrieg bei der Bundeswehr – Das Dienstbuch für Zugführer

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  • Nemere
    Cold Warrior
    • 12.06.2008
    • 2880

    #1

    Papierkrieg bei der Bundeswehr – Das Dienstbuch für Zugführer

    Ein Fundstück aus alten Unterlagen:

    Bei der Bundeswehr war es früher üblich, das Gruppen- und Zugführer sogenannte „Dienstbücher“ mit den wichtigsten Angaben zu ihren unterstellten Soldaten führten. Dort wurden dann außerdem Erkenntnisse über die Leistungen und das Verhalten der Soldaten eingetragen, auf die dann z.B. zurückgegriffen werden konnte, wenn sich der Chef von seinen Unterführern Beiträge zu Beurteilungen oder Dienstzeugnissen der Soldaten einforderte.

    Besonders wichtig waren diese Bücher für die Ausbilder an den Truppenschulen, weil dort in den Lehrgangszeugnissen neben den Noten zusätzlich Beurteilungsvermerke zu Eignung und Leistungsfähigkeit der Soldaten zu erstellen waren. Die waren von Bedeutung für eine eventuelle Übernahme als Berufssoldat. Wenn ich als Hörsaalleiter während des Feldwebel-Lehrgangs einen Stabsunteroffizier mehrere Monate fast täglich gesehen und erlebt habe, hatte ich im Normalfall tiefere Kenntnisse über den Mann, als der Kompaniechef, der diesen Soldaten wahrscheinlich nicht so häufig zu Gesicht bekam – gerade im Schichtdienst nicht.

    Auch wenn es keine offiziellen Befehle dazu gab, wurde das Führen solcher Aufzeichnungen in der Literatur zum Thema „Innere Führung“ immer wieder erwähnt und in der Ausbildung dazu auch gelehrt (Schriftenreihe Innere Führung, Ausbildungsmaterial des Zentrums Innere Führung). Das führte dazu, dass die Dienstbücher stillschweigend erwartet und von den dienstaufsichtführenden Vorgesetzten auch überprüft wurden.

    Bis ca. 1990 wurden diese Bücher dienstlich zur Verfügung gestellt, fest eingebundene Hefte im Format DIN A 6, die sehr praktisch in der Seitentasche der Kampfanzugshose Platz fanden. Sie hatten Platz für Einträge zu 50 Soldaten Ein Beispiel anbei.

    Nach 1990 wurde die Versorgung damit eingestellt. Viele behalfen sich dann mit normalen Notizbüchern ohne Vordruck. Weiter gab es Vordrucke für die damals sehr in Mode gekommenen Zeitplansysteme in Ringbuchform (timesystem usw.). Die waren allerdings im Format DIN A 5, die Ringbücher waren doch recht sperrig und konnten nicht mehr in der Seitentasche mitgeführt werden, auch boten die Vordrucke nicht sehr viel Schreibraum. Beispiel dafür habe ich auch beigefügt.

    Die Einträge in den beiden Beispielen stammen von Feldwebellehrgängen 1989 und 1992, der Eintrag von 1992 befasst sich mit einem aus der NVA zu den Feldjägern übernommenen Feldwebel der Pioniere.
    Das Beispiel von 1989 ist für einen Stabsunteroffizier, der von den Fallschirmjägern zu den Feldjägern kam. Wir hatten bei jedem Lehrgang einige solche „artfremde“ Teilnehmer.
    Angehängte Dateien
  • EmilBerggreen
    Cold Warrior
    • 19.07.2015
    • 514

    #2
    Guten Morgen Jörg,

    hochinteressantes Material.
    Ich kenne mich in dem Bereich absolut nicht aus aber wie hoch war das Gewicht einer Zugführerbeurteilung über den jungen Uffz / StUffs, wenn die Truppe sagen wir mal ein Kontingent an xx Unteroffizieren für PzTr, PzGrenTr, JgTr, etc. benötigte.
    HFw Meier, III. Zug sagt, Uffz Müller ist für die PzTr ungeeignet. Schlechte Schießleistungen in BERGEN-HOHNE, mangelnde Disziplin, kann nicht führen, etc. aber Hptm Schmidt sagt, wir brauchen Uffz Müller und schicken ihn demnächst auf den Fw-Lehrgang.
    Damit wäre das Urteil des ZgFhrs ja unerheblich oder wie sah das in der Praxis aus? Ich kann mich nur ganz dunkel an die 1980er Jahre erinnern, wo nicht immer die Besten und Geeignetsten Uffze und StUffze wurden. Für viele war SaZ eine Möglichkeit, der zivilen Arbeitslosigkeit zu entrinnen. Da könnte dann HFw Meier so oft wie er will sagen, dass Müller ein Rohrkrepierer sei, doch am Ende geht er ja doch auf den Fw-Lehrgang, da ja vielleicht schon ein Dienstposten für ihn in der Kp wartet.

    Wo wurde überhaupt noch gesiebt? Vom HGefr UA zum Uffz auf den mehrteiligen Unteroffizierslehrgängen, u.a. auch Panzertruppenschule MUNSTER. Wurde da nicht auch schon körperlich gesiebt und aussortiert? Der packt es nicht, einen abgesessenen Schützentrupp zu führen oder der kann nie und nimmer einen Panzer auf dem Kommandantenplatz führen. Wer den Uffz-Lehrgang gepackt hatte, musste sich doch dann nicht mehr fürchten, durch schlechte Beurteilung seines ZgFhrs dann nicht zum Fw-Lehrgang zugelassen zu werden oder doch?

    Und wie war es eigentlich bei Offizieren? HGefr OA Fahnenjunker und dann auch Lehrgang aber schon von vornherein mehr mit dem Schwerpunkt Taktik, davon gehe ich mal aus. Für viele war ja eventuell beim Hauptmann Schluss aber wer sich weiter qualifizieren wollte und durfte, für die Laufbahn Stabsoffiziere Major, OTL, etc. der machte dann den von Dir erwähnten S2-Lehrgang, danach den S3-Lehrgang? Für die Kampftruppen - so sieht man das bei einigen hochrangigen Bundeswehroffizieren - dann auch Combined Arms Center Ft. Leavenworth / Kansas, um vielleicht Dinge wie Gefecht der Verbundenen Waffen vertieft und nach US-amerikanischem Konzept, Interoperabilität NATO-Truppen verschiedener Nationen, dt. Verbindungsoffizier b.d. Briten, Belgiern, oder was auch immer lernen.

    Ist eine spannende Materie!

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    • EmilBerggreen
      Cold Warrior
      • 19.07.2015
      • 514

      #3
      Also um es mit meinen Worten etwas platter zu sagen:
      Unteroffiziere - die "Handwerker des Krieges", Unteroffiziere entscheiden durch straffes Führen und Mitziehen der Grp, des Zg das Gefecht. Fokus auf handwerkliche Dinge: gutes bis sehr gutes Beherrschen aller Waffensystem der Tr: G3, Uzi, MG aber auch des Großgerätes wie SPz Marder als MKF, RS und als Führer des Ganzen als Kommandant, wenn man zuvor alle Stufen durchlaufen hat: Schützentrupp, Fahrer, Richtschütze und am Ende Führer des Gefechtsfahrzeuges + abgesessene Tle
      Offiziere - die Planer des Krieges. Sich auf das große Ganze, Ausbilden der taktischen Fähigkeiten und Führen auf immer höherer Ebene.

      Also stark vereinfacht.

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      • Nemere
        Cold Warrior
        • 12.06.2008
        • 2880

        #4
        Im Regelfall gab es langfristige Verwendungsplanungen, d.h. man wusste, wann planmäßig eine Unteroffizier- oder Feldwebelstelle nach zu besetzen war und konnte entsprechend planen.
        In einer gut geführten Kompanie wird sich zunächst der Kompaniechef mit dem Kompaniefeldwebel und den Zugführern (bzw. entsprechenden Teileinheitsführern) über die Verwendungsplanung der Soldaten abstimmen. Hier konnte man dann auch Argumente austauschen, die für oder gegen einen Kandidaten sprachen, natürlich lag die endgültige Entscheidung beim KpChef.

        Eine Rolle spielt auch die Nachwuchslage allgemein. Habe ich genug geeignete Anwärter für eine Stelle, kann ich mir den Besten aussuchen und diesen fördern. Habe ich nur wenig Auswahl, muss ich evtl. auch schwächere Leute in Betracht ziehen. Dabei gibt es allerdings auch immer „Spätentwickler“, die evtl. als Mannschaften oder junge Unteroffiziere nur Durchschnitt sind, aber nach einigen Jahren zu großer Form auflaufen. Schwierig vorher zu sagen. Manchmal war es wirklich besser, eine Planstelle eine Zeitlang unbesetzt zu lassen, bevor man irgendeinen Soldaten darauf setzte, weil ungeeignete Leute hier mehr kaputt machen konnten. Drastisch ausgedrückt: „Besser ein Loch als ein Arschloch“.

        Es gab in der langen Geschichte der Bundeswehr immer wieder Phasen, wo es zu wenige geeignete Unteroffiziere und Offiziere gab und es gab Zeiten, wo der Bedarf ausreichend gedeckt werden konnte. Gerade in den 1960er Jahren mangelte es erheblich an Nachwuchs und auch momentan scheint es zwar genügend Bewerber zu geben, die aber in sehr vielen Fällen völlig ungeeignet sind.

        Eine entscheidende Rolle spielte spätestens seit 1980 bei den Unteroffizieren die „Stammdienststelle des Heeres“ (SDH), welche die Personalführung und – bewirtschaftung ab Stabsunteroffizier durchzuführen hatte. Wenn die SDH keine Planstelle zuwies, konnte mein Favorit für eine Feldwebelstelle noch so hervorragend sein, er konnte nicht befördert werden. In gewissen Umfang wirkte die SDH bereits bei der Zuweisung von Ausbildungsplätzen für die Feldwebellehrgänge mit und war natürlich erst recht bei Übernahme in das Dienstverhältnis eines Berufssoldaten beteiligt. Es konnte passieren, dass die SDH auf eine freie Feldwebelstelle in Oberviechtach einen Soldaten aus München setzte, weil der Münchner im Bewertungssystem der SDH besser war, als die Feldwebelanwärter aus Oberviechtach. Dass das nicht immer gut für das innere Gefüge der Truppe war, liegt auf der Hand.

        Ein Problem lag auch darin, dass die SDH ihre Personalführung nicht Truppengattungsbezogen, sondern nach Ausbildungs- und Verwendungsreihen (AVR) durchführte. Ein Unteroffizier, der als Mörsertruppführer ausgebildet war, konnte als nicht ohne weiteres Panzergrenadier-Feldwebel im selben Bataillon werden, weil er ja in einer anderen AVR war. Das führte oft zu unnötigen Mehrfach-Ausbildungen, nur um pro forma eine andere AVR zu erhalten. Wir hatten in München einen Extremfall. Ein ehemaliger Wehrpflichtiger der Luftwaffe kam als Wiedereinsteller zum Feldjägerbataillon und wurde dort Fernmeldeunteroffizier. Er war wirklich gut und man wollte ihn behalten, eine Stelle als Fernmeldefeldwebel gab es aber in absehbarer Zeit nicht. Also machte man ihn zum Rechnungsführer-Feldwebel. Der Rechnungsführer musste aber gemäß Stellenplan auch noch Feldjägerfeldwebel sein, daher musste der Soldat als zweite Feldwebel-Ausbildung auch noch den Feldwebel-Lehrgang Feldjägertruppe durchlaufen.

        Für die Laufbahnaussichten innerhalb einer Truppengattung bzw. AVR war entscheidend, wie das Verhältnis der Stellen Uffz/StUffz zu Feldwebeln war. Wenn auf 10 Uffz-Stellen nur eine Feldwebelstelle kam, war klar, dass es meistens mehr Anwärter als freie Stellen gab. Wenn dagegen, wie bei der Feldjägertruppe auf einen Unteroffizier auch eine Feldwebelstelle kam, war die Situation eine ganz andere. Wir hatten durchaus hin und wieder die Situation, das wir freie Feldwebelstellen nicht aus dem eigenen Nachwuchs besetzen konnten, weil gerade bei den Unteroffizieren viele SaZ 2 oder 4 waren, die nicht Feldwebel werden wollten. Daher hatten wir immer wieder Stabsunteroffiziere aus anderen Truppengattungen auf dem Feldwebellehrgang Feldjäger, weil diese in ihrer ursprünglichen Truppengattung keine Aussicht hatten befördert zu werden.

        Eine weitere Zäsur war die Übernahme zum Berufssoldaten. Jede Truppengattung hatte in jedem Geburtsjahrgang nur eine bestimmte Anzahl von Stellen für Berufssoldaten. Relativ kleine Truppengattungen hatten meist deutlich mehr geeignete Bewerber als Stellen für Berufssoldaten. Hier war die Sonder-Beurteilung für die Übernahme als BS ein entscheidender Faktor. Wenn man einen guten Feldwebel unbedingt als BS haben wollte, musste man als KpChef in dieser Beurteilung oftmals recht dick auftragen. Natürlich musste dabei der Kommandeur mitspielen, der diese Beurteilung ebenfalls mit seiner Stellungnahme absegnen musste. Wenn die Übernahme zum Berufssoldaten durch war, gab es für Unteroffiziere keine Laufbahnlehrgänge mehr, an denen sie scheitern konnten. Vor 1970 gab es noch eigene Prüfungen zum Stabsfeldwebel, diese wurde aber abgeschafft.

        Bei den Offizieren gab es den Offizieranwärterlehrgang, an dessen Ende die Laufbahnprüfung stand. Damit war der Offizier erstmal in das Dienstverhältnis eines SaZ übernommen. Da nach dem OA-Lehrgang das Studium folgte, gab es zunächst keine weiteren Laufbahnprüfungen. Auch wenn das Studium nicht erfolgreich beendet wurde, hatte dies auf die Verpflichtungszeit keine Auswirkungen. Dann folgte der Offizierlehrgang A (alle Truppengattungen gemeinsam) an der Offizierschule, dann der Offizierlehrgang B (truppengattungsspezifischer Einheitsführerlehrgang an der Truppenschule).
        Die Beurteilungen dieser Lehrgänge hatten Einfluss auf die Beförderungszeiten. Laufbahnziel war aber auch für den SaZ 12 der Hauptmann.
        Nach 8 – 10 Dienstjahren stand auch für den Offizier die Frage der Übernahme zum Berufssoldaten an, auch hier gab es Quoten. Nach Übernahme als BS kam dann als nächste Hürde der „Grundlehrgang der Fortbildungsstufe C“, der Stabsoffizierlehrgang an der Führungsakademie in Hamburg. Bestehen des Lehrgangs war Voraussetzung für weitere Beförderungen (Major usw.) oder die Übernahme in die Generalstabsausbildung. Wer diesen Lehrgang auch nach Wiederholung nicht bestand, blieb bis zum Ende seiner Dienstzeit Hauptmann, vielleicht noch in der Besoldungsgruppe A 12 und ging mit 53 in Pension.
        Laufbahnziel für den Offizier mit bestandenem Stabsoffizierlehrgang war mindestens der Oberstleutnant (Besoldungsgruppe A 14), d.h. diesen Dienstgrad sollten alle erreichen, wenn auch evtl. erst wenige Jahre vor der Pensionierung.

        Die von Dir angesprochenen Lehrgänge S 2 und S 3 bauen NICHT aufeinander auf, sondern bezeichnen nur die Führungsgrundgebiete, denen sie zugeordnet waren. Der Personaloffizier des Btl ging also auf den S 1-Lehrgang der Stabsdienstschule in Sonthofen, der S 2 auf den Lehrgang nach Bad Ems, der S 3 besuchte den S 3-Lehrgang an der Führungsakademie in Hamburg, der S 4 wurde an der Nachschubschule in Bremen ausgebildet.

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        • EmilBerggreen
          Cold Warrior
          • 19.07.2015
          • 514

          #5
          Klasse! Großartige Information, die mir die einzelnen Laufbahnen jetzt sehr viel deutlicher macht.

          Dann war Fort Leavenworth schon etwas sehr Spezielles: https://de.wikipedia.org/wiki/Henning_von_Ondarza Henning von Ondarza
          Ondarza trat 1956 als Offizieranwärter der Panzertruppe in die Bundeswehr ein und wurde nach der Offiziersausbildung als Zugführer und Kompaniechef eingesetzt. Von 1964 bis 1967 absolvierte er den Generalstabslehrgang an der Führungsakademie der Bundeswehr in Hamburg und die Generalstabsausbildung am US-amerikanischen Command and General Staff College in Fort Leavenworth. Anschließend diente er bis 1976 in verschiedenen Verwendungen: als Generalstabsoffizier für Planung und Ausbildung (G3) im Stab der 4. Jägerdivision in Regensburg; als Adjutant des Inspekteurs des Heeres; als Bataillonskommandeur in Amberg, sowie als Stabsoffizier beim deutschen Anteil der Supreme Headquarters Allied Powers Europe (SHAPE). Er absolvierte 1977 einen Lehrgang am Royal College of Defence Studies in London und diente danach bis 1979 als Oberst und Kommandeur der Panzerbrigade 20 in Iserlohn. Im Oktober 1979 wurde er zum Brigadegeneral befördert und an die Deutsche Botschaft Washington, D.C. versetzt. Dort diente er als Verteidigungsattaché den Botschaftern Berndt von Staden und Peter Hermes. Er kehrte nach Deutschland zurück und übernahm als Generalmajor vom 1. April 1983 bis zum 30. April 1985 die 1. Panzerdivision in Hannover. Am 1. Mai 1985 zum Generalleutnant ernannt, übernahm v. Ondarza als COMLANDJUT das Hauptquartier der Alliierten Landstreitkräfte Schleswig-Holstein und Jütland in Rendsburg. Am 26. September 1987 wurde er ins Bundesministerium der Verteidigung nach Bonn versetzt.
          Sorry, wir sind vom eigentlichen Thema schon viel zu weit entfernt.

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          • DeltaEcho80
            Cold Warrior
            • 09.03.2013
            • 1725

            #6
            Hallo Emil,

            du wirst bei vielen Stabsoffizieren der Bundeswehr einen Generalstabslehrgang an einer ausländischen Akademie finden. US-Amerikanische Lehrgäge und Lehrgänge z.B. in Großbritannien sind hier auffällig oft vertreten.

            Ob das als Auszeichnung zu verstehen ist oder einfach nur deswegen gemacht wurde, weil die FüAk keinen Lehrgangsplatz hatte, weiß ich nicht. Das wird uns Jörg vielleicht beantworten können.
            Zuletzt geändert von DeltaEcho80; 03.01.2021, 17:29.

            Kommentar

            • DeltaEcho80
              Cold Warrior
              • 09.03.2013
              • 1725

              #7
              Zitat von Nemere Beitrag anzeigen

              Eine entscheidende Rolle spielte spätestens seit 1980 bei den Unteroffizieren die „Stammdienststelle des Heeres“ (SDH), welche die Personalführung und – bewirtschaftung ab Stabsunteroffizier durchzuführen hatte. Wenn die SDH keine Planstelle zuwies, konnte mein Favorit für eine Feldwebelstelle noch so hervorragend sein, er konnte nicht befördert werden. In gewissen Umfang wirkte die SDH bereits bei der Zuweisung von Ausbildungsplätzen für die Feldwebellehrgänge mit und war natürlich erst recht bei Übernahme in das Dienstverhältnis eines Berufssoldaten beteiligt. Es konnte passieren, dass die SDH auf eine freie Feldwebelstelle in Oberviechtach einen Soldaten aus München setzte, weil der Münchner im Bewertungssystem der SDH besser war, als die Feldwebelanwärter aus Oberviechtach. Dass das nicht immer gut für das innere Gefüge der Truppe war, liegt auf der Hand.

              Ein Problem lag auch darin, dass die SDH ihre Personalführung nicht Truppengattungsbezogen, sondern nach Ausbildungs- und Verwendungsreihen (AVR) durchführte. Ein Unteroffizier, der als Mörsertruppführer ausgebildet war, konnte als nicht ohne weiteres Panzergrenadier-Feldwebel im selben Bataillon werden, weil er ja in einer anderen AVR war. Das führte oft zu unnötigen Mehrfach-Ausbildungen, nur um pro forma eine andere AVR zu erhalten. Wir hatten in München einen Extremfall. Ein ehemaliger Wehrpflichtiger der Luftwaffe kam als Wiedereinsteller zum Feldjägerbataillon und wurde dort Fernmeldeunteroffizier. Er war wirklich gut und man wollte ihn behalten, eine Stelle als Fernmeldefeldwebel gab es aber in absehbarer Zeit nicht. Also machte man ihn zum Rechnungsführer-Feldwebel. Der Rechnungsführer musste aber gemäß Stellenplan auch noch Feldjägerfeldwebel sein, daher musste der Soldat als zweite Feldwebel-Ausbildung auch noch den Feldwebel-Lehrgang Feldjägertruppe durchlaufen.
              Hallo Jörg,

              vielen Dank für diese interessanten Ausführungen. Als Stabsdienstsoldat im GeZi hatte ich fast täglich mit der SDH zu tun, gerade wenn es um die Personalthemen ging. Unser Spieß pflegte einen sehr intensiven Kontakt zu den für uns zuständigen Personalplanern, da er - nicht ganz uneigennützig - auch noch für sich selbst an einer Stelle als Oberstabsfeldwebel "bastelte". Zufälligerweise war einer der dort tätigen Soldaten (waren das eigentlich Uffze mP oder Offiziere?!) einer, der eine "Mellrichstädter Vergangenheit" hatte und deswegen uns immer etwas "wohlgesonnen" war.

              Hier trat auch ein Problem zu Tage, welches so kleine "Einödstandorte" wie Mellrichstadt hatten: So ganz freiwillig wollten da nur wenige Uffz-Dienstgrade hin, zumal ja mit Hammelburg, Wildlflecken oder selbst Veitshöchheim im näheren Umkreis attraktive Alternativen zu finden waren.

              Das "Personalgeschäft" bei der BW war jedenfalls sehr facettenreich und aufschlussreich. Ich könnte Geschichten erzählen, aber das führt zu weit. Wir hatten z.B. einen StUffz, der - trotz mit Auszeichnung bestandenen Feldwebellehrgangs - 15 Monate auf seine Beförderung zum FW warten musste.

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              • Hoover
                Cold Warrior
                • 19.12.2013
                • 601

                #8
                Kleine Anekdote vom 1. Frauendurchgang im Januar 2001 in meiner Kp: Da waren Frauen dabei, die definitiv nicht tauglich zu gar nichts waren. Entspechende Beurteilungen wurden abgegeben, um die Mädels (und auch ein paar Jungens) noch vor Ende der Probezeit loszuwerden.

                Die Jungens wurden entlassen, aber die Mädels mussten übeernommen werden, weil seitens der Öffentlichkeit große Aufmerksamkeit (Günther Jauch etc waren bei uns) vorhanden war. Da wurde dann alles üvbernomen und schnellstens durchbefördert, um Quoten zu erfüllen.

                Da konnte mal als Führer beurteilen, was man wollte. Politischer Druck schlägt alles.
                "Damals, als ich in meinem Alter war..."

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                • Nemere
                  Cold Warrior
                  • 12.06.2008
                  • 2880

                  #9
                  Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                  Ob das als Auszeichnung zu verstehen ist oder einfach nur deswegen gemacht wurde, weil die FüAk keinen Lehrgangsplatz hatte, weiß ich nicht. Das wird uns Jörg vielleicht beantworten können.
                  Solche Lehrgänge im Ausland waren bei vielen Generalstäblern Teil der Ausbildung, das hat nichts mit fehlenden Plätzen bei der FüAk zu tun. Dabei gab es allerdings auch Auslandskommandierungen, an deren Sinnhaftigkeit man zweifeln kann. Ich kannte z.B. einen, der nahm am Generalstabslehrgang der pakistanischen Streitkräfte teil. Mir sind eigentlich keine näheren Beziehungen der Bundeswehr zu den Streitkräften Pakistans geläufig.

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                  • Nemere
                    Cold Warrior
                    • 12.06.2008
                    • 2880

                    #10
                    Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                    Zufälligerweise war einer der dort tätigen Soldaten (waren das eigentlich Uffze mP oder Offiziere?!)
                    Bei der SDH gab es sowohl UffzmP wie auch Offiziere, wobei die Unteroffiziere nicht die Entscheidungen zu treffen hatten.

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                    • DeltaEcho80
                      Cold Warrior
                      • 09.03.2013
                      • 1725

                      #11
                      Wobei man schon sagen muss, dass - wie von Jörg beschrieben - teilweise sehr seltsame Entscheidungen getroffen wurden bzw. solche, die man jetzt nicht direkt verstehen konnte. Auch die SDH hat rein nach Aktenlage auf dem Papier entschieden - gut, es blieb von Köln aus ja nichts anderes übrig.
                      Dieses Thema "AVR" kenne ich zur Genüge: " Uffz xy hat aber diese oder jene ATN nicht" "StUffz kann nur nach Wechsel der Verwendungsreihe in den Lehrgang eingesteuert werden". Da waren dann die von Jörg in der Themeneröffnung genannten Einschätzungen und Bewertungen der Vorgesetzten sehr ausschlaggebend. Was habe ich auf unserer guten alten Schreibmaschine Bewertungen geschrieben, mit Kohlepapier und 3fach Durchschlag.

                      Unser Spieß als "alter Haudegen" hat das schon aber immer irgendwie hingebogen, dass zu 85% das am Ende in der Stellenbesetzung raus kam, was er oder der Chef haben wollten. Da habe ich auch erlebt, dass ein Zugführer nach nicht mal einem Jahr wieder versetzt wurde, weil er sich ständig mit dem Chef angelegt hatte.

                      Gerade das Thema Wiedereinsteller oder Wechsel in der Truppengattung waren da in der Tat ein sehr diffiziles Werk. Wir hatten z.B. einen Kameraden als Wiedereinsteller, der es in seiner Vordienstzeit bereits zum HG bei der Luftwaffe gebracht hatte, dort sogar in der Luftwaffensicherungstruppe. Er hat sich dann nach etwas mehr als 2 Jahren im Zivilleben entschieden, als SaZ zur Bundeswehr zurückzukehren und kam zu den Grenadieren. Das ging dann so, dass er die komplette AGA nochmal durchziehen musste, da er ja aus der Luftwaffe kam. Er war als Soldat und Mensch in meinen Augen besser als manch gestandener Uffz oder Feldwebel. Aber das konnte die SDH ja nicht beurteilen.

                      Ein anderes Beispiel: Unser VDF war ein OFw, der uns alle durch seine besonnene Art beeindruckt hat und so manches Problem mit Humor und Gelassenheit gelöst hat. Mit ihm wären wir alle durch Dick und Dünn gegangen. Nun stand die Entscheidung über seinen Antrag zum BS an. Schlussendlich wurde der Antrag aufgrund des Umstandes abgelehnt, dass er halt einige Kilos zuviel auf den Rippen hatte und den zu der Zeit geltenden Body-Mass-Index für PzGrenFw um einen oder zwei Prozentpunkte überschritten hatte. Dabei war er auf der HiBa flinker und intelligenter unterwegs, als die Kameraden, die alles nur mit Kraft oder Kondition gelöst haben.

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                      • Nemere
                        Cold Warrior
                        • 12.06.2008
                        • 2880

                        #12
                        Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                        und den zu der Zeit geltenden Body-Mass-Index für PzGrenFw um einen oder zwei Prozentpunkte überschritten hatte.
                        Der BMI spielte glücklicherweise bei der Feldjägertruppe nie eine Rolle. Je größer und kräftiger, desto besser. Solange er die geforderte Punktzahl beim Soldatensportwettkampf brachte, war die Figur Nebensache. Beim Feldjägerdienstkommando Leipzig hatte ich 1993 einige Feldwebel von den Ausmaßen eines Kleiderschranks ( um die 1,90 groß und mit entsprechender Schulterbreite). Optimal waren diese Soldaten bei den Zugstreifen einsetzbar, die damals noch an den Wochenenden gefahren wurden. Jeder von ihnen füllte mühelos einen Mittelgang in den Eisenbahnwaggons aus, dadurch wurden viele Unbotmäßigkeiten angetrunkener Soldaten im Ansatz erstickt.

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                        • DeltaEcho80
                          Cold Warrior
                          • 09.03.2013
                          • 1725

                          #13
                          Das Tragische bei ihm ist, dass er nach nicht erfolgter Übernahme zum BS eigentlich nie mehr so richtig Fuß im Zivilleben fassen konnte. Er hatte sich so drauf "verlassen", BS zu werden, dass er eigentlich gar keinen Plan B hatte.

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                          • Hoover
                            Cold Warrior
                            • 19.12.2013
                            • 601

                            #14
                            Zitat von DeltaEcho80 Beitrag anzeigen
                            Das Tragische bei ihm ist, dass er nach nicht erfolgter Übernahme zum BS eigentlich nie mehr so richtig Fuß im Zivilleben fassen konnte. Er hatte sich so drauf "verlassen", BS zu werden, dass er eigentlich gar keinen Plan B hatte.
                            Ja, solche Menschen haben generell ein Problem. Ein guter Freund von mir ist jetzt endlich BS geworden. Er sagte selbst, dass er auf dem freien Markt keine Chance haben würde und er keinen Plan B hätte. Er konnte nie verstehen, dass ich, nachdem ich als OffzMilFD angenommen wirde, freiwiilig gekündigt hatte. Manchmal denke ich auch, dass ich da sicher ein einfacheres Leben gehabt hätte, aber ich wäre in der "neuen" Bundeswehr nicht mehr glücklich geworden.

                            In meine Bekanntenkreis habe ich auch viele Wiedereinsteller, die im Zivilleben nie wieder richtig ankamen.
                            "Damals, als ich in meinem Alter war..."

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                            • DeltaEcho80
                              Cold Warrior
                              • 09.03.2013
                              • 1725

                              #15
                              Manchmal denke ich auch, dass ich da sicher ein einfacheres Leben gehabt hätte, aber ich wäre in der "neuen" Bundeswehr nicht mehr glücklich geworden.
                              Das ist halt dann die "Kröte", die man schlucken kann, wenn man will.

                              Wir haben in der Verwandtschaft einen Stabsfeldwebel a.D., der dann seine Zeit bis zur Pension "durchgezogen" hat, obwohl er sich kaum noch mit der BW identifizieren konnte. Ihm waren halt die Rahmenbedingungen (Einkommen, Status als Stabsfeld, Rentenansprüche usw.) so viel wert, dass er nicht mehr viel überlegt hat.

                              Aber wie gesagt, das muss jeder für sich selbst entscheiden. Ich könnte es nicht.

                              Lt. einer Statistik leben ja momentan angeblich eh 70% aller Arbeitnehmer in der inneren Kündigung. Was ich aber auch verstehen kann, wenn man so mit bekommt, was in unserer verrückten Welt alles krumm läuft.

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