Heeresstruktur 4 zu panzerlastig?

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  • Ursus Maior
    Rekrut
    • 11.09.2021
    • 18

    #16
    Zitat von Nemere Beitrag anzeigen
    Einige ganz wichtige Sätze zu dieser Diskussion stehen ziemlich am Anfang des Spiegel-Artikels:

    "Zu diesem Vorwurf ist zunächst zu sagen, daß erstaunlicherweise der Warschauer Pakt, mit dem wir es zu tun hätten, überhaupt keine Infanterie a la Uhle-Wettler in seinen Streitkräften eingeplant hat. Schon von daher ist der Rückschluß erlaubt, daß es dem Warschauer Pakt überhaupt nicht darauf ankommt, durch Waldgebiete, durch Großstädte hindurch anzugreifen, sondern daß er das offene, bewegungsgünstige Gelände für seine Operationen sucht, indem er mit einem schnellen Stoß zu Erfolgen kommen will."

    Dem ist sicher zuzustimmen. Zumindest in Mitteleuropa war - außer evtl. den Luftlandekräften - tatsächlich keine klassische Infanterie eingeplant. Und Fallschirmjäger wird man nicht im Wald- und Ortskampf verschleißen. Auch der zweite Aspekt ist sicher richtig definiert. Der schnelle Stoß war das Dogma überhaupt bei den Landstreitkräften des WP.

    Man könnte sogar argumentieren, dass in den Fällen, wo diese Taktik des schnellen Raumgewinns und des schnellen Niederwerfen des Gegners nicht funktionierte, auch die auf dem ersten Blick so mächtige sowjetische Armee scheiterte - siehe Afghanistan. Am Beispiel Afghanistan könnte man aber auch die Notwendigkeit leichter ungepanzerter Infanterie wieder beweisen. Man könnte in Abwandlung eines Zitats des großen Vorsitzenden Mao für solche Lagen sagen, die Infanterie muß sich im im Lande, am besten im Gegner selbst, bewegen wie der Fisch im Wasser.

    Ich bleibe aber bei meiner Meinung, dass die Bundeswehr in der Heeresstruktur 4 so infanteriestark war wie nie zuvor. Bei einer Schwächung der gepanzerten Heeresteile war es wahrscheinlich nicht mehr möglich gewesen, den vor allem artilleristisch und bei den Panzerverbänden stark überlegenen Feind aufzuhalten. Das Problem bei der ungepanzerten Infanterie ist und bleibt, das sie unter Feindfeuer zu wenig beweglich ist, das sie gegenüber der Artillerie sehr anfällig ist und das sie sehr, sehr viel Zeit braucht, um sich zur Verteidigung einzurichten. Diese leidvollen Erfahrungen hat z.B. die Wehrmacht 1944 / 1945 an West- und Ostfront ständig machen müssen. Man musste vor zu erwartenden Angriffen die Verteidigungstellungen erst einmal räumen, weil sonst bei der artilleristischen Feuerkraft des Gegners kaum mehr Kräfte zum Verteidigen übriggeblileben wären. Also wurde die HKL geräumt und die Verteidigungskräfte rückwärts bereit gehalten. Nach Abbruch des Vorbereitungsfeuers der Feindartillerie schaffte man es aber in vielen Fällen nicht mehr, die Verteidigungsstellungen zu besetzen, weil sich die eigene Infanterie nur zuFuß bewegte.

    Für diese Probleme bietet übrigens auch Uhle-Wettler keine wirklichenLösungen an.

    Das Kernproblem war doch gerade in der Heeresstruktur 4 die zu geringe Absitzstärke einer PzGrenKp. Wenn bei einem Zug mit 3 SPz und 9 Soldaten im Gruppen-SPz abgesessen gerade mal höchstens 18-20 Soldaten verfügbar sind, und damit genauso wie in der Heeresstruktur 3 (damals mit 5 SPz und 10 Mann im SPz) pro Zug eine Frontbreite im abgesessenen Kampf von 150 Metern gehalten werden soll, dann kann das nur schiefgehen - erst recht im Orts- oder Waldkampf. Wenn jetzt zur Panzerabwehr noch die 2 MILAN abgesessen eingesetzt werden müssen, fehlen nochma 4 Soldaten. Dann sind wir bei 14 bis 16 Soldaten, die diese 150 m halten sollten - ein Ding der Unmöglichkeit.

    Es ist die uralte Frage, die in der Taktik immer wieder auftritt: Pest oder Cholera.
    Ich erlaube mir hier anzumerken, dass besonders der letzte Satz den Nagel auf den Kopf trifft. Sicherlich war es weder im WP noch in der NATO geplant in größeren Ballungszentren zu kämpfen. Die Sowjets und ihre Verbündeten wussten genau, dass dies einen schnellen Vorstoß sofort aufhalten und damit alle Pläne in kurzer Zeit am Rhein, an der Nordsee oder auch nur hinter Frankfurt a. M. zu stehen, zu nichte machen würde. Kleinere Städte ließen sich im Zweifel nicht vermeiden, ebenso wenig der ein oder andere Wald. Und dass der Bayerischer Wald nur ein Nebenschauplatz sein würde, ist ja klar. Die Deutschen indes hatten auch kein Interesse in ihren Städten zu kämpfen. Man hatte sie ja erst vor 40 Jahren neu aufgebaut und wusste, zumindest in Form des institutionellen und akademischen Wissens, sehr wohl noch, wie ressourcenverschlingend Stadtkampf gegen "die Russen" war. Man hatte zudem nach (und auch während) des Krieges das Konzept der "Festen Plätze" als völlig unbrauchbar bewertet und die Lehre gezogen, dass Truppen und auch Zivilisten darin faktisch dem Tode preisgegeben wurden oder bestenfalls in die Gefangenschaft wanderten, da sie sicher abgeschnitten und dann vernichtet oder ausgehundert würden ohne Möglichkeit zu entkommen.

    Es gibt noch zwei Punkte auf der strategischen Ebene, die zu der Frage der "Urban Warfare" im Kalten Krieg eine Rolle spielen (und ich möchte auf den konzeptionellen Unterschied zwischen Orts- und Häuserkampf und Urban Warfare hinweisen). Erstens planen seit dem Ersten Weltkrieg alle Strategen Städte schnell zu nehmen und zwar unter Einsatz von immenser Feuerkraft (Artillerie, Luftstreitkräfte), aber die Zerstörung der Städte und das Leiden der Zivilbevölkerung werden dadurch so immens und die Operationen so langsame, dass am Ende doch nur die Infanterie die Arbeit leisten kann. Zudem leidet die Bevölkerung mehr als der Verteidiger, weil der sich im Zweifel in Ruinen gut auf einen Angriff vorbereitet hat. Eine Stadt zu umgehen kann aber manchmal nicht möglich sein, gerade im historischen Westdeutschland. Man mag den Gegner aus der Stadt drängen können, bevor man sie selbst betritt, wenn man die Verteidigung des Gegners an anderer Stelle so durchbricht, dass seine Stellungen vor der Stadt unhaltbar werden und er sich lieber hinter die Stadt zurückzieht als in der Stadt eingeschlossen und abgeschnitten zu werden.

    Wir sehen aber an der Ukraine, dass der Gegner sich, sobald das Tempo des Angreifers ausreichend gedrosselt ist, durchaus gegen diese Optione entscheiden kann. Indes ist der zweite Faktor im Kalten Krieg der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen. Dieser war fest eingeplant seitens der Sowjets, sollte ihr Angriff drohen deutlich hinter die eigene Operationsplanung zurückzufallen. Hätte sich die Bundeswehr (oder ihre Alliierten) so in einer Stadt verschanzt, egal wie klein oder groß, dass eine Umfassung, Abriegelung und Zerschlagung der Truppen darin nicht möglich gewesen wäre, dann wäre die Stadt als Stellung für die Sowjets absolut als kritisches Ziel angesehen worden. Man hätte sicher zu erst eine Umfassung versucht, aber mehr als ein Tag wäre dafür nicht Zeit gewesen aus Sicht Moskaus. Denn je länger der Krieg gedauert hätte, desto eher wäre der numerische Vorteil der NATO durch Verstärkung aus dem UK und besonders den USA relevant geworden. Die Sowjets hätten in jedem Fall also den Einsatz von ABC-Waffen in Erwägung gezogen, er war ja doktrinell vorgesehen!

    Das wissend, hatte die Bundeswehr überhaupt kein Interesse daran große und vor allem statische Flächenziele für ihre Verteidigung zu bilden. Das hatte man schon in den 50ern und 60ern erkannt. Darum wurde ja die Verteidigung Westdeutschlands mechanisiert ausgeplant mit dem Verzögerungsgefecht und massiver Luftunterstützung zur Abnutzung der WP-Wellen. Und dadurch war die Rechnung "20 Soldaten auf 150 Metern" eben nur bedingt richtig. Natürlich wurde die Verteidigung aus Stellungen geübt. Der Feind muss ja auf den Verteidiger auflaufen, damit man ihm Verluste beibringen kann. Aber aus Stellungen zu kämpfen, ist nicht die hauptsächliche Art der Verteidigung einer Panzergrenadierkompanie. Vielmehr kämpft die Panzergrenadierkompanie im Verbund mit Kampfpanzern, die hinter den Grenadieren lauern und aufgelaufenen Feind zerschlagen. Und das hat in den 80ern geklappt und funktioniert auch noch heute. Man darf nicht vergessen, dass bei dieser Gefechtsart die Initiative durchaus dem Verteidiger gehören kann (wenn er geschickt ist!): Der Verteidiger weiß, wo seine Stellungen sind, nicht der Angreifer. Der Verteidiger kennt die Sperrpläne, er sieht den Gegner, bevor dieser ihn sieht und der Verteidiger bestimmt den Zeitpunkt seine Artillerieeinsatzes und im Falle der NATO-Kräfte hätte er vermutlich sogar die - zumindest lokale - Lufthoheit.

    All diese Punkte macht sich der Verteidiger aber selbst ein Stück weit madig, wenn er sich in eine statische Verteidigung begibt in einer Stadt: Selbst wenn die Stadt nicht nuklear dem Erdboden gleichgemacht wird, so nimmt die Mobilität des Verteidigers dennoch stark ab: Er muss Wege zwischen den Ruinen anlegen, von denen viele nicht für seine Fahrzeuge passierbar sein werden. Er verliert mit den Fahrzeugen die Möglichkeit der Verzögerung und des Entkommens aus der Schlinge und vor allem reduziert er seinen Nachschub bei zeitgleicher Intensivierung des Verbrauchs an allem Material (außer POL vielleicht).

    Und weil das alles nur mit gepanzerter Infanterie geht, waren die ganzen Jäger auf Tonnern (also die HSchBrig der 6er-Reihe und die HSchRgt) ja auch zur Sicherung der rückwärtigen Räume gedacht, während die gepanzerten HSchBrig mit ihren MTW die Korps verstärkt hätten als Reserve. Ein Jägerbataillon dieser Brigaden konnte genau so wie ein Panzergrenadierbataillon den Feind auflaufen lassen, von Kampfpanzern der Brigade unterstützt werden und dann auf die nächste Linie zurückfallen.

    Aber ja, einen Tod musste man immer sterben im Ernstfall.

    Kommentar

    • Nemere
      Cold Warrior
      • 12.06.2008
      • 3301

      #17
      Zitat von Ursus Maior Beitrag anzeigen
      ... während die gepanzerten HSchBrig mit ihren MTW die Korps verstärkt hätten als Reserve.
      Die Heimatschutzbrigaden der 5er - Reihe hatten im Regelfall nur -1-MTW-Bataillon, das zweite war auf LKW beweglich gemacht. Ausnahnme war HSchBrig 56, diese Brigade hatte zwe PzGrenBtl mit SPz Marder und zwei Panzerbataillone.
      Der M 113 war nur sehr eingeschränkt verwendbar, ein Kampf vom Fahrzeug oder ein Gegenanangriff aufgesessener Kräfte war kaum sinnvoll. Auch fehlte das "schwere Flachfeuer" der nicht vorhandenen BMK. Dieses Problem hatten bekanntlich auch die 4. (MTW-)Kompanien der PzGenBtl in den PzGren-Brigaden des Feldheeres.
      Daher war eine HSchBrigade sicher nicht optimal als Korpsreserve, da sie eine der wichtigsten Aufgaben einer Reserve, nämlich einen Gegenangriff nur suboptimal erfüllen konnte. Aber - zugegeben, eine Heimatschutzbrigade war sicher besser als die Luftlandebrigade als Korpsreserve geeignet.

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      • Ursus Maior
        Rekrut
        • 11.09.2021
        • 18

        #18
        Stimmt natürlich, nur eines der Bataillone war MTW-mobil. Wobei auch die HSchBrig 51 eine Ausnahme war, sowohl JgBtl 511 als auch JgBtl 512 verfügten über MTW. Ja, es fehlte das Feuer der BMK. Aber zumindest gab es je Zug eine Milan und nicht zuletzt in diesen Jägerbataillonen ja auch sechs Leopard 1 sowie einen PzJgTr mit weiteren sechs Milan. Damit ließen sich Kampfpanzer bereits durch das Bataillon an den Feind bringen, was in den Jägerkompanien die BMK zumindest etwas ausglich.

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        • Nemere
          Cold Warrior
          • 12.06.2008
          • 3301

          #19
          Zitat von Ursus Maior Beitrag anzeigen
          . Aber zumindest gab es je Zug eine Milan und nicht zuletzt in diesen Jägerbataillonen ja auch sechs Leopard 1 sowie einen PzJgTr mit weiteren sechs Milan.
          Wenn wir jetzt anfangen MILAN und Kampfpanzer in den Bataillonen zu zählen, dann sollten wir das korrekt tun.

          Die Jägerbataillone der HSchBrig 52 - 56 hatten KEINE zusätzlichen MILAN in den 5. Kompanien. Hier gab es pro Kp 3 MILAN, dazu sieben Kampfpanzer und sechs Mörser in der 5. Kompanie, macht also für das gesamte Btl neun MILAN.
          Leopard in der 5.Kp gab es bei den HSchBrigaden nur bei der HschBrig 51, die HSchBrig 52 - 55 hatten sowohl in den 5. Kpn der Jägerbataillone wie in den Panzerbataillonen den M 48. Die HSchBrig 56 war völlig anders gegliedert.
          Dem gegenüber stehen beim Panzergrenadierbataillon des Feldheeres 18 bzw. 21 MILAN pro Btl.

          Die Divisions-Jägerbataillone hatten pro Kp nur 1 MILAN, hier gab es den Panzerabwehrzug in der 5.Kp mit 6 MILAN, für das Btl also neun MILAN

          Wieder anders die Gebirgsjägerbataillone: Pro Kp 5 MILAN und in der 5.Kp nochmals 6 MILAN, gesamt also 21 im Btl. Außerdem in der 5.Kp noch 6 Feldkanonen.

          Siehe auch beigefügte Übersicht zur Gliederung und Ausstattung der Jäger- und Sicherungsbataillone in der Heeresstruktur 4 ab 1980.

          JägerBtl HStr4.pdf

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