Es gibt noch zwei Punkte auf der strategischen Ebene, die zu der Frage der "Urban Warfare" im Kalten Krieg eine Rolle spielen (und ich möchte auf den konzeptionellen Unterschied zwischen Orts- und Häuserkampf und Urban Warfare hinweisen). Erstens planen seit dem Ersten Weltkrieg alle Strategen Städte schnell zu nehmen und zwar unter Einsatz von immenser Feuerkraft (Artillerie, Luftstreitkräfte), aber die Zerstörung der Städte und das Leiden der Zivilbevölkerung werden dadurch so immens und die Operationen so langsame, dass am Ende doch nur die Infanterie die Arbeit leisten kann. Zudem leidet die Bevölkerung mehr als der Verteidiger, weil der sich im Zweifel in Ruinen gut auf einen Angriff vorbereitet hat. Eine Stadt zu umgehen kann aber manchmal nicht möglich sein, gerade im historischen Westdeutschland. Man mag den Gegner aus der Stadt drängen können, bevor man sie selbst betritt, wenn man die Verteidigung des Gegners an anderer Stelle so durchbricht, dass seine Stellungen vor der Stadt unhaltbar werden und er sich lieber hinter die Stadt zurückzieht als in der Stadt eingeschlossen und abgeschnitten zu werden.
Wir sehen aber an der Ukraine, dass der Gegner sich, sobald das Tempo des Angreifers ausreichend gedrosselt ist, durchaus gegen diese Optione entscheiden kann. Indes ist der zweite Faktor im Kalten Krieg der Einsatz von taktischen Nuklearwaffen. Dieser war fest eingeplant seitens der Sowjets, sollte ihr Angriff drohen deutlich hinter die eigene Operationsplanung zurückzufallen. Hätte sich die Bundeswehr (oder ihre Alliierten) so in einer Stadt verschanzt, egal wie klein oder groß, dass eine Umfassung, Abriegelung und Zerschlagung der Truppen darin nicht möglich gewesen wäre, dann wäre die Stadt als Stellung für die Sowjets absolut als kritisches Ziel angesehen worden. Man hätte sicher zu erst eine Umfassung versucht, aber mehr als ein Tag wäre dafür nicht Zeit gewesen aus Sicht Moskaus. Denn je länger der Krieg gedauert hätte, desto eher wäre der numerische Vorteil der NATO durch Verstärkung aus dem UK und besonders den USA relevant geworden. Die Sowjets hätten in jedem Fall also den Einsatz von ABC-Waffen in Erwägung gezogen, er war ja doktrinell vorgesehen!
Das wissend, hatte die Bundeswehr überhaupt kein Interesse daran große und vor allem statische Flächenziele für ihre Verteidigung zu bilden. Das hatte man schon in den 50ern und 60ern erkannt. Darum wurde ja die Verteidigung Westdeutschlands mechanisiert ausgeplant mit dem Verzögerungsgefecht und massiver Luftunterstützung zur Abnutzung der WP-Wellen. Und dadurch war die Rechnung "20 Soldaten auf 150 Metern" eben nur bedingt richtig. Natürlich wurde die Verteidigung aus Stellungen geübt. Der Feind muss ja auf den Verteidiger auflaufen, damit man ihm Verluste beibringen kann. Aber aus Stellungen zu kämpfen, ist nicht die hauptsächliche Art der Verteidigung einer Panzergrenadierkompanie. Vielmehr kämpft die Panzergrenadierkompanie im Verbund mit Kampfpanzern, die hinter den Grenadieren lauern und aufgelaufenen Feind zerschlagen. Und das hat in den 80ern geklappt und funktioniert auch noch heute. Man darf nicht vergessen, dass bei dieser Gefechtsart die Initiative durchaus dem Verteidiger gehören kann (wenn er geschickt ist!): Der Verteidiger weiß, wo seine Stellungen sind, nicht der Angreifer. Der Verteidiger kennt die Sperrpläne, er sieht den Gegner, bevor dieser ihn sieht und der Verteidiger bestimmt den Zeitpunkt seine Artillerieeinsatzes und im Falle der NATO-Kräfte hätte er vermutlich sogar die - zumindest lokale - Lufthoheit.
All diese Punkte macht sich der Verteidiger aber selbst ein Stück weit madig, wenn er sich in eine statische Verteidigung begibt in einer Stadt: Selbst wenn die Stadt nicht nuklear dem Erdboden gleichgemacht wird, so nimmt die Mobilität des Verteidigers dennoch stark ab: Er muss Wege zwischen den Ruinen anlegen, von denen viele nicht für seine Fahrzeuge passierbar sein werden. Er verliert mit den Fahrzeugen die Möglichkeit der Verzögerung und des Entkommens aus der Schlinge und vor allem reduziert er seinen Nachschub bei zeitgleicher Intensivierung des Verbrauchs an allem Material (außer POL vielleicht).
Und weil das alles nur mit gepanzerter Infanterie geht, waren die ganzen Jäger auf Tonnern (also die HSchBrig der 6er-Reihe und die HSchRgt) ja auch zur Sicherung der rückwärtigen Räume gedacht, während die gepanzerten HSchBrig mit ihren MTW die Korps verstärkt hätten als Reserve. Ein Jägerbataillon dieser Brigaden konnte genau so wie ein Panzergrenadierbataillon den Feind auflaufen lassen, von Kampfpanzern der Brigade unterstützt werden und dann auf die nächste Linie zurückfallen.
Aber ja, einen Tod musste man immer sterben im Ernstfall.
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